"Warum tun wir das nicht?"

4. August 2008, 09:32
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Der Autor von "Der talentierte Schüler und seine Feinde", Andreas Salcher, hat für Herbst konkrete Pläne - "Ideen, die nichts kosten", aber den Schulen viel bringen können

25.000 verkaufte Exemplare von "Der talentierte Schüler und seine Feinde" schüren eine ungemein hohe Erwartungshaltung, sagt Autor Andreas Salcher über sein jüngstes Projekt. Über 1000 Beiträge seien mittlerweile auf seinem Blog gelandet, mehr als 2500 Reaktionen via E-Mail und Telefon haben ihn seit Erscheinen seines Buches erreicht.

Salcher sieht sich dennoch nicht als Kopf einer Bewegung. Seiner Ansicht nach konnten diese Reaktionen - "rund 80 Prozent allein von betroffenen Müttern" - überhaupt nur von jemanden hervorgerufen werden, der außerhalb des Systems steht. "Ich darf mich unter keinen Umständen als Person in diesen Bereich involvieren", sagt er. Nicht allein, weil das System an sich so rigoros sei und viele Kräfte es auf ein Scheitern anlegen würden, sondern auch aus dem Grund: "Wenn du dich nur einen Millimeter in dieses System hineinbegibst, bist du schon kassiert." Er werde sich sicher nicht als Schulreformer aufspielen, vielmehr jener sein, der sagt: "Warum tun wir das nicht?".


Kein Konzeptdefizit

Es gelte jetzt, mit der so entstandenen kritischen Energie weiterzuarbeiten, wenngleich durch die im Herbst anstehenden Neuwahlen die Karten neu gemischt werden. Salcher: "Meine Sorge ist, dass dieser langsam aufkeimende Veränderungswille, der doch erkennbar war, wieder versiegen könnte."

Die Pläne, denen Salcher für Herbst dieses Jahres dennoch nachhängt, werden von grundlegenden Überlegungen getragen:

  • Es gebe kein Konzeptdefizit, so Salcher, vielmehr eines in der Umsetzung. "Wir wissen genau, wie die Schule von morgen aussehen sollte. Nur denjenigen, die etwaige Projekte umsetzen könnten, wird dafür keine Macht gegeben."
  •  An vielen Schulen im Land herrsche eine katastrophale Organisationskultur der Mittelmäßigkeit vor. Und selbst dort, wo der Wille zu positiven Veränderungen gegeben sei, scheitere man häufig an fehlender Sozialkompetenz, so Salcher weiter. "Das ist so, weil dieses System von Angst beherrscht wird."
  • Es fehle der Raum für die nötigen Veränderungen. Statt dessen werde darüber diskutiert, was noch alles unterrichtet werden soll - von Ernährung bis Kreativität. Salcher: "Man muss sich daher nicht darüber wundern, dass viele Schulen hier mit einer ungemeinen Abwehrhaltung darauf reagieren."

Vielmehr müsse man den Mut aufbringen, Lehrpläne nicht nur zu entrümpeln, sondern ganz abzuschaffen. Alle hängen dieser "Riesenillusion, diesem kollektiven Missverständnis nach, dass das, was in den Lehrplänen drinnen steht, auch nur den geringsten Einfluss auf die Schüler hat." In Wahrheit sei es doch so, dass 90 Prozent dessen, was unterrichtet werde, nie beim anderen ankomme, durch die Art und Weise wie unterrichtet werde.

Unterricht sei eben nur ein kleiner Bestandteil des Lernens, und Schulen müssten infolge dessen zu lernenden Organisationen werden. Solange dies nicht der Fall sei, könne keine Veränderung stattfinden. Und: Das Lernen müsse in den Klassenzimmern entschieden werden. Unterschiedliche Schulen in unterschiedlichen Regionen stehen schließlich vor anderen Herausforderungen - man müsse in der konkreten Situation mit den jeweiligen Schülern realistische Ziele erarbeiten.

  • Dafür müsse man den Lehrern auch entsprechende Verantwortung geben. Sonst erübrigen sich, laut Salcher, sämtliche Debatten über Bildungsstandards. "Diese Standards machen einen schlechten Lehrer nicht besser."

Kurzum: Eine Organisation, die selber nicht lerne, können anderen schwer das Lernen beibringen.
Was im Herbst ansteht

Veränderungen könnten aber, im Rahmen vorhandener Möglichkeiten, stattfinden, ist Salcher überzeugt. Kurzfristig und kostenlos. Entsprechende Vorschläge werden zurzeit an ausgewählten Schulen vorgetragen. Grundsätzlich gelte es dort, wo schon Positives in Gang sei, das Scheinwerferlicht zu verstärken - ein Beispiel sei die Initiative "Teacher of the Year".

Und dort, wo es zunehmend "dunkler" werde, müsse man einen "intelligenten Wettbewerb" forcieren. Einer von Salchers Vorschlägen in diese Richtung wäre es, die besten Direktoren mit einem selbstgewählten Stab ihrer besten Lehrer an die schlechtesten Schulen zu schicken, um dort zu zeigen, "was alles möglich ist".

Eine weitere Chance für weitreichende Veränderung ortet Salcher darin, in Schulen eine Kultur der gegenseitigen Wertschätzung aufzubauen - wie in anderen Organisationsformen, könnten Initiativen dieser Art von Beratern, Sportlern oder Künstlern begleitet werden. Raum für "Fremdes" zu schaffen sei für Schulen immanent.

Nicht zuletzt müsse auch mehr Raum für das Talent der Schüler geschaffen werden, sagt Salcher, der vorschlägt, zehn Prozent der Jahresschulzeit für Neues freizumachen. Aus Elternsprechtagen könnten Zuhörtage für die Schüler gemacht werden, an denen gemeinsam Talente evaluiert, Möglichkeiten für gegenseitiges Feedback eingeführt werden könnten.

Statt Noten- könnte man Talentkonferenzen einführen, mehr an Themen, die aktuell das Interesse der Schüler schüren, lernen. Oder aber auch Expeditionen an andere Schulen organisieren, um als Organisationen gegenseitig voneinander lernen zu können, so Salcher weiter. Es seien nicht die Gesetze an sich, die Initiativen dieser Art verhindern würden, es seien vielmehr die ungeschriebenen Gesetze, die Veränderung im Weg stehen, sagt er.

Er selbst werde sich - als Alternative zu den meist Lehrer-dominierten bzw. den offiziellen, von den Ministerien erstellten Plattformen - an die Erstellung einer eigenen, unabhängigen Webplattform zum Thema Schule machen, auf der Projekte ausgetauscht und Ideen präsentiert werden können oder auf der einfach nur Best Practice gesammelt werden wird. (Heidi Aichinger, DER STANDARD-Printausgabe, 2./3. August 2008)

 

 

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    Veränderung zur lernenden Organisation: An Konzepten für die Schule von morgen mangle es nicht - nur an deren Umsetzung, sagt Autor Andreas Salcher. Dafür müssten Schulen mehr zu lernenden Organisationen werden, um anderen auch das Lernen beibringen zu können.

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