Die autonome Region Xinjiang

4. August 2008, 08:56
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Armenhaus und ethnischer Konfliktherd von eminenter strategischer Bedeutung

Peking - Die nominell autonome Region Xinjiang (Sinkiang) gehört zu den Armenhäusern Chinas und ist ein permanenter ethnischer Konfliktherd. In dem 1,65 Millionen qkm großen Gebiet (die flächenmäßig größte Verwaltungseinheit der Volksrepublik) mit 85 Präfekturen und 19 Städten leben nur etwa 19,6 Millionen Menschen. Fast die Hälfte sind muslimische Uiguren, mehr als 40 Prozent großteils zugewanderte Han-Chinesen - mit zunehmender Tendenz (ihre Zahl hat sich seit 1949 verdreißigfacht).

Die rund acht Millionen Uiguren sind sprachlich und kulturell eng mit den Türken verwandt. Auch Kasachen, Mongolen, Tadschiken und Kirgisen gehören zu dem Völkergemisch in dem zunehmend von ausländischen Touristen besuchten Wüstengebiet an der historischen Seidenstraße.

Strategisch wichtig

Xinjiang grenzt an die Mongolei, Russland, Kasachstan, Kirgistan (Kirgisien), Tadschikistan, Afghanistan, Pakistan, den indischen Teil von Kaschmir sowie an die autonome Region Tibet und die Provinzen Qinghai und Gansu. Die Region, die im 18. Jahrhundert von der damals in China herrschenden Mandschudynastie (Qing-Dynastie) militärisch erobert wurde, ist für Peking von großer strategischer Bedeutung und reich an Bodenschätzen wie Kohle, Gold und Uran. Es werden große Vorkommen von Erdöl und Erdgas vermutet. Verwaltungshauptstadt ist Urumqi (Ürümqi/Urumtschi).

Im 19. Jahrhundert war die Region Schauplatz mehrerer großer muslimischer Aufstände, von denen jener von Yakub Beg, der 1864-77 als Emir von Kashi herrschte, der erfolgreichste war. Erst 1884 wurde das heutige Xinjiang offiziell dem Chinesischen Kaiserreich eingegliedert. Nach dem Zusammenbruch des Kaisertums 1911/12 entglitt die Region völlig der Kontrolle der Zentralregierung. 1944 wurde mit sowjetischer Unterstützung die "Republik Ostturkestan" ausgerufen. 1949 marschierten chinesische kommunistische Truppen ein. 1955 wurde die "Autonome Region Xinjiang" errichtet. In Lop Nor entstand Chinas Atomtestgelände. Die Ansiedlung von Han-Chinesen wurde in großem Maßstab vorangetrieben.

Panislamische Strömunen erhalten Zulauf

Seit mehr als eineinhalb Jahrzehnten erstarken panislamische und irredentistische Strömungen, wie die kommunistischen Behörden offen zugegeben haben. Peking macht Separatisten für rund 300 Anschläge mit bis zu 200 Toten seit 1990 verantwortlich und hat vier uigurische Gruppen zu "terroristischen Vereinigungen" erklärt. Es kam immer wieder zu blutigen Unruhen, zahlreiche "Konterrevolutionäre" wurden hingerichtet, Hunderte von Moscheen und Koranschulen geschlossen.

Gegen pro-chinesische uigurische Funktionäre wurden Attentate verübt, so fiel der regimegenehme Imam der Großen Moschee von Kashgar einem Mordanschlag zum Opfer. Die Entladung antichinesischer Ressentiments in den Randgebieten war immer dann besonders explosiv, wenn sich das Bestreben nach Selbstbestimmung mit religiösen Aspirationen verband.

Verbindungen zur Al-Kaida?

Peking behauptet, dass es zwischen uigurischen Separatisten und dem Terrornetzwerk Al-Kaida Verbindungen gibt. Chinas Führung nütze den von den USA ausgerufenen internationalen Kampf gegen den Terrorismus aus, um verschärft gegen Regimekritiker und Minderheiten vorzugehen, erklären dagegen Menschenrechtsorganisationen. Mehr als 1000 Aktivisten der Ostturkestan-Bewegung seien von Al-Kaida ausgebildet worden, heißt es in Peking. Menschenrechtsorganisationen warfen Chinas Führung Folter, Massenverhaftungen und Hinrichtungen vor. Seit Mitte der 1990er Jahre wurden nach Angaben von Amnesty International mehr als 3000 Uiguren verhaftet. Mehr als 200 von ihnen seien aus politischen Gründen hingerichtet worden.

Die geltende Verfassung von 1982 definiert China als "multinationalen Einheitsstaat", die autonomen Regionen sind "untrennbare und unveräußerliche" Teile der Volksrepublik. Auf dem Papier räumt das 1984 erlassene Gesetz über die regionale Autonomie den nationalen Minderheiten substanzielle Freiheiten ein. Doch wegen des Fehlens eines unabhängigen Rechtssystems hängt die Durchsetzbarkeit der Autonomiebefugnisse gänzlich von der Parteilinie ab, die auf Nivellierung ethnischer Unterschiede abzielt. So haben die regionalen Selbstverwaltungsorgane keinerlei Einflussmöglichkeit auf die Massenansiedlung von Han-Chinesen. Die Pekinger Zentrale misstraut nichtchinesischen Kadern, die regionalen Parteichefs sind ausnahmslos Han-Chinesen. (APA)

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