Szenisches "Second Life" alter Götter

3. August 2008, 19:22
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Jubel an den vier "Ring"-Abenden: Christian Thielemann wurde so heftig gefeiert, wie Tankred Dorsts Inszenierung im dritten Jahr wieder abgelehnt wurde

Stellen Sie sich vor, Sie kommen nach Hause und finden einen Lindwurm vor, der auf einem Geldsack liegt. Oder Ihr Haus steht in Flammen, und mittendrin sehen Sie selig schlummernd eine junge Frau liegen. Doch wenn Sie an den Lindwurm ganz nahe herankommen, bemerken Sie, dass Sie durch ihn hindurchgehen können, ebenso wie die Flammen, in denen Ihr Haus steht, keine Hitze entwickeln. Durch irgendeine Unvorsichtigkeit kann so wie durch eine falsche Tastenkombination auf dem PC ein Effekt ausgelöst werden, den man gar nicht erzielen wollte, mit dem man schon gar nicht gerechnet hat und den man trotz aller Anstrengungen nicht mehr rückgängig machen kann.

Tankred Dorsts Konzeption seiner Bayreuther Ring-Inszenierung geht von der Annahme aus, dass es zu unserer Alltagswelt Parallelwelten gibt, die nach anders dimensionierten Gesetzmäßigkeiten nebeneinander koexistieren können. Dass also Fafner ungestört vor uns auf seinem Rheingold liegt, ohne dass wir über ihn und es stolpern. Und dass Wotan um Brünnhilde in unserer Wohnung seinen Feuerwall errichten kann und wir trotzdem nicht verbrennen. Ein kühner, mathematisch übrigens hochaktueller Denkansatz, der sich zu so mancher faszinierenden Fata Morgana ausschmücken, sich aber in unsere Dreidimensionalität wohl nur sehr schwer übertragen lässt. Und schon gar nicht auf die Weise, auf die Tankred Dorst es versucht.

In der Bayreuther Ring-Realität sieht das dann so aus, dass, während Brünnhilde in der Walküre Siegmund den baldigen Tod verkündet, ein Herr im Hintergrund ganz behaglich die Zeitung liest und sich dann mit einem Fahrrad davonmacht. Wenn in der Götterdämmerung Linda Watson mit ihrem insgesamt sehr prächtig geratenen Schlussgesang zu Ende ist, ist auch schon wieder ein Fahrrad zur Stelle, über das hinweg ein junges Paar - wohl im Kontrast zur in Flammen stehenden Götterwelt - seine Zärtlichkeiten tauscht.

Götter und Autisten

Bevor Siegfried stirbt, kann man ein paar Kindern beim Tempelhüpfen zuschauen. Ansonsten sieht man auf der Bühne, die Frank Philipp Schlößmann in der Götterdämmerung zu einer Hotelhalle umgebaut hat, ein paar Autisten sitzen, die sich von Hagen und Gunther natürlich auch nicht stören lassen und schon gar nicht von den reisigen Mannen am Hof der Gibichungen.

Wer nun nicht unbedingt Josef Fritzl aufgrund einschlägiger Vorleistungen als Paradigma für Wotan und die sonstige Göttersippe erwartet, für den liefert der Bayreuther Ring immerhin einige, wenn auch etwas altbackene, so doch nicht minder suggestive Bilder. Man müsste schon ein ausgepichter bühnenästhetischer Koprophage sein, wäre man nicht vom Schlussbild der Walküre beeindruckt. Wotan in roten Dampf gehüllt mit Speer im Hintergrund, hoch über Brünnhilde stehend, die, umgeben von einem Lichtkreis auf sein Geheiß nun schlafen muss. Zur Strafverschärfung auf einem harten und obendrein auch noch schrägen Lager.

Dass auch einem abgebrühten Bayreuth-Gast in einem solchen Augenblick noch die Gänsehaut über den Rücken läuft, geht auf das Konto des heuer ganz besonders überragend aufspielenden Orchesters unter Christian Thielemann.

Bei der grandiosen Steigerung des Schicksalsmotivs vor dem Walküre-Schluss hebt es einen fast aus dem Sessel. Thielemann ist der Star des Bayreuther Rings und macht diesen trotz seiner szenischen Defekte hörens- und irgendwie dann doch auch sehenswert. Man könnte sagen, an diesen vier Abenden ist Thielemann die Quadratur des Ringes gelungen, nämlich eine klassische Interpretation von hochromantischer Musik.

Nichts ist dynamisch übersteuert, nichts gerät zum Säuseln. Und in keinem Augenblick muss man sich zum Ausdruck "kammermusikalisch" flüchten. Diese Interpretation ist auch an den stillen Stellen noch kernig, beinah: muskulös, und lässt ihre dynamische Kompetenz bei den Ausbrüchen eher ahnen, als dass sie diese dröhnend hören lässt. Und doch hat Thielemann eine unerschöpfliche Fülle von Klangfarben parat, in der er die Bewusstseinsebenen der Musik aus der Vergangenheit wieder gegenwärtig werden lässt. Die Rheintöchter-Szene erinnert an die Madrigale der Renaissance, und den Trauermarsch aus der Götterdämmerung reichert Thielemann um die Erfahrung der Clusterkompositionen aus den 60er-Jahren an.

Dies macht auch Fakten, wie dass sich Albert Dohmen als Wotan vor allem im Rheingold so gut wie ganz, in der Walküre beinahe abgemeldet hat und Endrik Wottrich als Siegmund in der Walküre eine Zumutung für das zahlende Publikum ist, wieder wett. Dafür feierte Eva-Maria Westbroek als Sieglinde ihr auf Anhieb in Gesang und Ausdruck überwältigendes Debüt.

Linda Watson war eine souveräne, ihre mächtigen Hochtöne mit Bedacht einsetzende, aber auch zu Pianokultur fähige Brünnhilde und Stephen Gould ein recht passabler, gegen Schluss der Götterdämmerung die Töne nur mehr beiläufig und ansatzweise treffender Siegfried. Kwangchul Youns Hunding, Hans-Peter König als Hagen und Christa Meyer als Waltraute sowie Gerhard Siegels Mime und Andrew Shores Alberich müssen als Stützen dieses Bayreuther Rings zusätzlich erwähnt werden.
Das szenische "Second Life" alter Götter. (Peter Vujica aus Bayreuth, DER STANDARD/Printausgabe, 04.08.2008)

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    Die drei Nornen verstricken Menschen und Götter in Widersprüche: Edith Haller, Simone Schröder und Martina Dike (v. li.) in der "Götterdämmerung".

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