Italiens Winzer wehren sich gegen Weinreform

3. August 2008, 19:18
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Wegen den von der EU vorgeschriebenen neuen Regeln bei der Etikettierung fürchten die Weinbauern um Qualitätsweine. Der Weinkonsum geht weiter zurück

Auf heftigen Protest stößt in Italien die EU-Weinreform. Nicht so sehr der Abbau der Weinanbaufläche von insgesamt 58.435 Hektar erregt den Zorn der Winzer. Dies sei im Rahmen der allgemeinen Überproduktion verständlich, meinte Signora Josè Rallo vom sizilianischen Weingut Donnafugata.

Anlass zu Protesten gibt aber eine EU-Reform, in deren Rahmen es neue Vorschriften ermöglichen sollen, dass ab 1. August 2009 auf der Etikette nur die Rebe und die nationale Herkunft bezeichnet werden, ohne die Region zu nennen. "Das ist banal" , kritisierte Diego Planeta, Präsident des sizilianischen Winzerverbandes, die Reform. Er befürchtet dadurch eine "Vermassung von Qualitätsprodukten".

Ein in Sizilien gewachsener Nero d'Avola habe schließlich eine andere Qualität als die in Norditalien gezüchtete Rebe. Und ein Barolo aus der Region Piemont schmecke anders als ein in Mittelitalien hergestellter Barolo. "Von der Reform profitieren primär die Hersteller wenig qualitativer Weinen" , meint Planeta. Die EU-Weinreform kommt zu einem für Italiens Weinwirtschaft denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Der im Frühjahr ausgebrochene Weinskandal und die neuerliche Weinpanscherei mit gefährlichen Zusatzstoffen schadeten dem Image.

Bier macht Wein Konkurrenz

Der Weinkonsum verläuft seit Jahren rückläufig. So hat sich der Pro-Kopf-Verbrauch in den vergangenen zehn Jahren von 60 auf 47 Liter pro Jahr verringert. Gleichzeitig hat sich der Bierkonsum auf neun Liter um ein Drittel erhöht.

Gianni Zonin aus Vicenza, Italiens größter Weinhersteller, kritisiert auch die italienischen Regierungen. Diese hätten es verabsäumt, im Schulunterricht Ernährungswissenschaften einzuführen. Eine gezielte Aufklärungs- und Erziehungskampagne über richtigen Weinkonsum würde der Branche zweifellos helfen, meinte Zonin.

Grund für den sinkenden Weinkonsum sind auch die Preise. Der Trend geht zu Billigweinen (unter zwei Euro pro Flasche) oder zu Spitzenqualität. "Der Absatz von Weinen im Mittelpreissegement ist in der Krise" , bestätigte Zonin. Der Vormarsch des Biers sei daher kaum zu bremsen. Schließlich komme eine Flasche Bier im Restaurant auf im Schnitt 2,50 Euro, ein Glas Wein koste vier Euro.

Der Weinwirtschaft kommt in Italien eine hoher volkswirtschaftlicher Stellenwert zu. Mit einer Produktion von 43,5 Millionen Hektoliter 2007, rund 1200 Unternehmen und 10.000 Beschäftigten ist sie auch der größte Devisenbringer in der chronisch defizitären Landwirtschaftsbilanz.

Im Jahr 2007 exportierten die Winzer Wein im Wert von 3,5 Mrd. Euro. Der gesamte Umsatz machte 6,7 Mrd. Euro aus.

Schwacher Dollar belastetWichtigster ausländischer Abnehmer sind die Vereinigten Staaten, die im Vorjahr Italien-Wein im Wert von 828 Mio. Euro importierten. Italiens Winzer spüren in den USA den durch die Dollarkrise verschärften Wettbewerbsdruck der "neuen" Weinländer wie Australien, Südafrika und Chile.  (Thesy Kness-Bastaroli aus Mailand, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.8.2008)

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    Die Weintrauben müssen immer öfter Hopfen und Malz weichen. Denn viele Italiener greifen statt zu Wein vermehrt zu Bier.

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