Bilder der Knappheit

1. August 2008, 19:42
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Die herkömmliche Erklärung für die derzeitige Knappheit und die hohen Preise konzentriert sich auf das explosive Wachstum in den Schwellenländern - Von Robert J. Shiller

Wir alle haben im TV das Bild von der Eisdecke Grönlands gesehen, die aufgrund der Erderwärmung ins Meer stürzt. Könnte dieses Bild - indirekt und psychologisch - teilweise für die hohen Öl- und Rohstoffpreise verantwortlich sein? Die herkömmliche Erklärung für die derzeitige Knappheit und die hohen Preise konzentriert sich auf das explosive Wachstum in den Schwellenländern. Doch spielt auch die Psychologie auf spekulativen Märkten eine Rolle, und vielleicht lässt das Bild vom schwindenden grönländischen Eis es allzu plausibel erscheinen, dass auch alles andere - Land, Wasser, sogar Frischluft - bald erschöpft sein werden.

Nehmen wir eine Fallstudie: den letzten "Boom-Bust-Zyklus" der Rohstoffpreise, der dazu führte, dass diese seit den 1960ern etwa bis in die 80er anstiegen und dann bis Mitte der 90er-Jahre fielen. Die konventionelle "grundlegende" Erklärung setzt alles in Beziehung zu politischen Ereignissen. Die Ölkrise 1973-1974 wird auf den Lieferstopp von Öl nach dem arabisch-israelischen Jom-Kippur-Krieg zurückgeführt. Die Ölkrise 1979-1981 spiegele die Verknappung von Öl durch die iranische Revolution und den Iran-Irak-Krieg wider. Der Fall der Preise nach Mitte der 80er-Jahre wird auf den Zusammenbruch der Opec zurückgeführt.
Doch bezweifeln einige Wirtschaftswissenschafter, dass diese Ereignisse eine erschöpfende Erklärung bieten. Schließlich erklären sie nicht wirklich, warum die Preise für andere Rohstoffe dem Ölpreis häufig folgten. Wichtiger als diese Kriege in den 70ern war vielleicht, dass die Menschen in der ganzen Welt anfingen, sich Sorgen darüber zu machen, dass ihnen die Ressourcen ausgehen.

Es schien eine gewisse Grundlage für diese Angst zu geben. Die Zuwachsrate der Weltbevölkerung stieg von 1,8 Prozent im Jahre 1951 auf 2,1 Prozent in 1971. Doch waren das nur trockene Statistiken. Bilder spielten wahrscheinlich eine weitaus größere Rolle. 1948 sagte der Astronom Fred Hoyle: "Sobald ein Foto von der Erde, von außerhalb aufgenommen, verfügbar ist, sobald die schiere Isoliertheit der Erde offensichtlich wird, wird eine neue Idee freigesetzt, die so stark ist wie keine zuvor in der Geschichte."

Eine Generation später stellte sich heraus, dass er recht hatte. Die erste Fotografie der Erde aus dem Weltall wurde vom Apollo-Projekt im November 1967 geliefert. Einer der Astronauten sagte: "Wir sahen, wie zerbrechlich unser Planet ist und wie schön zugleich. Wir sahen, dass wir lernen mussten zusammenzuarbeiten, einander zu lieben."

Vielleicht war dieses Bild zumindest teilweise ein Grund dafür, dass die Menschen sich in den 70ern so viele Sorgen darum machten, dass die Bevölkerung größer wurde als die Ressourcen. Das Monumentalwerk des Club of Rome, Die Grenzen des Wachstums, erschien 1972 mit einem Bild der Erde auf dem Einband. Das Buch sagte massenhaftes Verhungern aufgrund des Bevölkerungswachstums voraus. Die Bevölkerungspanik führte zu Anstrengungen zur Geburtenkontrolle, vor allem zur "Ein-Kind-Politik" , die 1979 in China eingeführt wurde. Aber auch wegen einer Veränderung der Familienwerte begann die Wachstumsrate der Bevölkerung einen Abstieg auf 1,1 Prozent 2005. Dieser führte zu einem Verschwinden der Sorge über Wachstumsgrenzen. Auch die Rohstoffpreise fielen.

Wir haben Fotos gesehen, auf denen Hurrikane und Taifune die Menschen in Louisiana oder Myanmar treffen. Wir haben die Verwüstung durch den Tsunami im Indischen Ozean 2004 gesehen, der als Zeichen für die zu starke Besiedlung der Küsten interpretiert wurde. Der Nordpol verwandelte sich 2000 zum ersten Mal in einen See. Wir sehen Luftaufnahmen davon, wie der Aralsee austrocknet. Wir können praktisch keinen Kaviar mehr aus dem Kaspischen Meer kaufen. Die Europäische Weltraumorganisation erklärte im September 2007, Satellitenfotos zeigten, dass die Nordwestpassage zum ersten Mal in der Geschichte für die Schifffahrt frei von Eis zu sein scheint und dass die Nordostpassage nahezu frei ist. Ist es wirklich verwunderlich, dass die Psyche bei solchen Bildern von einem schrumpfenden und verletzten Planeten reif für hohe Rohstoffpreise ist? (© Project Syndicate, 2008; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2./3.8.2008)

Zur Person

Robert J. Shiller ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Yale University

 

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