Für China kommt Olympia zu früh

1. August 2008, 19:00
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Die autoritäre Wirtschaftsmacht steht auf dem Weg zur offenen Gesellschaft erst am Anfang

Als im Sommer 2001 Peking als Austragungsstätte der Olympischen Spiele 2008 auserkoren wurde, geschah dies aus einer Mischung von Resignation und Hoffnung. Das IOC konnte und wollte sich nicht mehr dem Drängen der aufstrebenden Großmacht verwehren, und weltweit herrschte die Meinung vor, dass der wirtschaftliche Aufschwung aus einer Diktatur eine Demokratie nach westlichem Muster machen würde. Der neue Mittelstand, so die These, würde früher oder später politische Freiheiten fordern und diese auch erhalten. Im Fall von Südkorea, wo dies tatsächlich geschah, hat Olympia 1988 diesen Prozess beschleunigt.

Im Falle Chinas ist diese Rechnung nicht aufgegangen, und die These, wonach Wohlstand zwangsweise zu Demokratie führt, ist unter Wissenschaftern weitgehend diskreditiert. Chinas Wirtschaft ist stärker gewachsen als je vorausgesagt, ohne dass die Partei ihre Macht geteilt hat. Und gerade die Olympischen Spiele bringen dem Land keinen Hauch von Liberalisierung, sondern viel eher eine Verschärfung der Repression. Die Vorbereitung der Spiele hebt die schlechtesten Eigenschaften von Maos Erben hervor: Großmannssucht, Zentralismus, Misstrauen gegenüber Ausländern und Intoleranz gegenüber jedem Abweichlertum.

Viele bereuen inzwischen, die Spiele an China vergeben zu haben, und selbst in Peking dürften so manche den Sinn dieses nationalen Prestigeprojekts bezweifeln: Trotz Milliardenausgaben droht dem Land durch Umweltverschmutzung und anhaltende Repression am Ende gar ein PR-Fiasko.

Doch China schneidet dieser Tage in den internationalen Medien oft schlechter ab, als es verdient. Parallelen mit dem Dritten Reich, von Peking 2008 mit Berlin 1936, sind fehl am Platz. In Peking herrscht kein besessener Diktator, sondern ein Kollektiv von pragmatischen, vorsichtigen Technokraten. Die KP-Diktatur hat ihre schlimmsten Jahre längst hinter sich; seit dem Beginn der Reformpolitik vor 30 Jahren hat sich nicht nur der materielle Wohlstand vervielfacht, auch die persönlichen Freiräume für 1,3 Milliarden Chinesen haben rasant zugenommen. Das entschuldigt zwar keine Menschenrechtsverstöße, erklärt aber, warum das Regime bei der Bevölkerung so viel Legitimität genießt.

Und China ist für andere Staaten keine Bedrohung: Seine Blockadehaltung im UN-Sicherheitsrat zu Darfur oder Simbabwe ist zwar verwerflich, aber dahinter steht eine außenpolitische Doktrin, die vor allem vom Wunsch nach Stabilität getrieben ist.

Die Frage, ob der Westen den Diktatoren in Peking eher mit Annäherung oder mit politischer und wirtschaftlicher Abschottung begegnen soll, ist so alt wie die chinesische Reformpolitik selbst. Boykottmaßnahmen, etwa nach dem Massaker von 1989, haben nie funktioniert; Chinas Führung hat sich stets gegen jede Einmischung von außen gewehrt, und die Weltgemeinschaft hat angesichts des riesigen wirtschaftlichen Potenzials Chinas keine geschlossene Front gebildet.

Das stärkste Argument gegen eine Politik der Sanktionen und Isolierung aber ist, dass China heute die größte Erfolgsstory der Globalisierung darstellt - ein integraler Bestandteil der Weltwirtschaft, der Wissenschaft, sogar der globalen Kulturszene. Ob das Land je zu einer Demokratie werden kann, ist fraglich, aber eine Bürgergesellschaft ist im Wachsen begriffen und schwächt Schritt für Schritt das Machtmonopol der KP. Bei allen Fehlern und Problemen sind die Zeichen für die Zukunft positiv.

Olympia 2008 - das ist für China zu früh. Erst in zehn oder 15 Jahren wäre Peking wohl bereit für Spiele, die keine olympischen Ideale verraten. Wieder eine Hoffnung, aber eine, die das Spektakel der nächsten Wochen etwas erträglicher gestalten kann. (Eric Frey/DER STANDARD, Printausgabe, 2.8.2008)

 

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