Ein Sitzungssaal, der nicht mitstreitet

1. August 2008, 17:49
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Das Linzer Architektenbüro Heidl wird um rund 17 Millionen Euro den Nationalratssitzungssaal des Parlaments umbauen

Die Neuwahlen verzögern den Bau: Start ist voraussichtlich im Sommer 2010.

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Wien - Einen an sich schon anstrengenden Sitzungstag macht das 50er-Jahre-Interieur des Parlaments nicht eben angenehmer: tiefe braune Ledersessel, schmale Pulte, schlechte Lichtverhältnisse. "Dank" der Neuwahlen müssen die Abgeordneten länger als geplant auf ihre runderneuerten Arbeitsplätze warten. Um circa ein halbes Jahr verschiebt sich der Fahrplan für den Umbau des Nationalratssitzungssaals nach hinten, denn das entsprechende Budget dafür muss von der neuen Regierung beschlossen werden. Baubeginn ist frühestens im Sommer 2010, "einziehen" können die Parlamentarier dann 2012, wenn alles glattgeht.

Der Entwurf für den Umbau wurde am Freitag der Öffentlichkeit präsentiert, das Linzer Architektenbüro Heidl setzte sich im Auswahlverfahren gegen 20 Konkurrenten durch. Man habe sich "für ein ruhiges, klassisches Projekt mit klaren Strukturen" entschieden, sagte Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (SPÖ) dazu.
Blumiger beschrieb Jury-Präsident Boris Podrecca die Entscheidung: Andere Architekten hätten "starke Bodybuilder-Entwürfe" eingereicht, die aus dem Hohen Haus einen "baulichen Invaliden" gemacht hätten.

"Lyrische" Architektur

Der Heidl-Entwurf stehe für ein "lyrisches, feines Vorgehen" . Eine Glas-Holz-Ummantelung soll eine ruhige Atmosphäre schaffen. Podrecca: "Der Raum soll ja bei den Diskussionen nicht mitstreiten."

Mit 17 Millionen - exklusive Architektenhonorare - sind die Kosten für das Projekt veranschlagt, damit wird die Kostenvorgabe von 21 Millionen Euro deutlich unterschritten. Das sei aber nicht ausschlaggebend gewesen, betonte Prammer: Erst nach der Entscheidung habe man das Kuvert mit den Kosten geöffnet.

Ein zentrales Anliegen war der Präsidentin die völlige Barrierefreiheit des Hohen Hauses. Nahezu alle Abgeordnetenplätze, die Regierungsbank und das Präsidium, aber auch die Besuchergalerie werden künftig auch mit einem Rollstuhl ohne größeren Aufwand zu erreichen sein. Die Säulenhalle wird als Besucherzentrum genutzt, im Dachgeschoß sind Gastronomie und ein kleiner Garten vorgesehen.

Das Architektenbüro Heidl war bisher vor allem in Oberösterreich aktiv, wie etwa beim Umbau des Linzer Rathauses. Die Neugestaltung des Plenarsaals ist der bisher größte Auftrag und "außerordentlich komplex" , sagte Andreas Heidl zum Standard. Man werde versuchen, dem "pragmatischen Stil" des Nationalratssaals eine "sinnliche Komponente" zu verleihen. Der Gesamteindruck soll deutlich heller werden, etwa durch viel Weiß und eine neue Glasdecke. (Andrea Heigl/DER STANDARD, Printausgabe, 2.8.2008)

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    Barbara Prammer ist die Barrierefreiheit des neuen Parlamentsgebäude ein besonderes Anliegen. Bisher waren viele Bereiche nur über Treppen erreichbar.

  • Eine Grafik des neuen Plenarsaals.
    grafik: parlament

    Eine Grafik des neuen Plenarsaals.

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