Der Teufel vergrößert sein Reich

1. August 2008, 17:46
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Massive Attack, die alten Großmeister des TripHop-Genres aus dem britischen Bristol, präsentierten in der Arena ihre düstere Weltsicht zwischen Kifferparanoia und der Erlösung im Gospel

Wien - Kiffen macht bekanntlich nicht nur fröhlich. Bei entsprechender Langzeitüberdosierung macht es mitunter auch paranoid. Da macht es dann auch keinen Unterschied mehr, ob man sich die bösen Mächte und schwarzen Hubschrauber bloß einbildet, oder ob sie tatsächlich hinter einem her sind und sich durch die Heizungsrohre oder das Trinkwasser in die Wohnung schleichen, um einen zu holen. So vergrößert der Teufel sein Reich.

In der Wiener Arena können die mit steinernen Mienen dem Bösen in den Gewitterwolken der Bühneneffektgeräte trotzenden Massive Attack davon mehr als ein Lied singen. Stoned faces don't lie.
Das über die Jahre vom internationalen Durchbruch mit Blue Lines 1991 bis zum letzten regulären Studioalbum, dem unterschätzten Meisterwerk 100th Window (2003) auf das Duo Daddy G (Grant Marshall) und 3D (Robert Del Naja) geschrumpfte Musikkollektiv aus dem britischen Bristol beschäftigt sich seit seinen Anfängen als DJ-Crew The Wild Bunch Ende der 80er-Jahre nicht nur mit Musik.

Es geht in diesen oft düsteren, sperrigen Kompositionen auch um das Flehen um spirituelle Erlösung aus dem irdischen Jammertal. Selbstverständlich belegen auch jetzt open air in der Wiener Arena mit diversen Gastmusikern und Sängern wie dem jamaikanischen Roots-Reggae-Altmeister Horace Andy mit der Stimme eines sehr alten Engels oder der jungen, imposanten Soul-Nachwuchskraft Jhelisa Anderson oder der niedlichen keltischen Waldfee Stephanie Dosen am Mikrofon und der Stromgitarre zum Vortrag gebrachte alte Songs wie Unfinished Sympathy, Safe From Harm oder Teardrop dies mit großem Nachdruck.

Diese dumpf bohrenden und nagenden, ständig um verzerrte Bassläufe kreisenden und von wuchtigen Viervierteltakten bestimmten Songs im Spannungsfeld von Paranoia und Katharsis wagen sich vor allem in der akustischen Erforschung zeitloser, allerdings durch Freizeitchemie erheblich verstärkter Phänomene wie Klaustrophobie, Beklemmung, Einsamkeit, Depression ganz weit vor in die menschlichen Wüsteneien. Gesellte sich nicht ab und zu der versöhnliche Faktor der Langeweile zu diesen langmütigen wie über die lange Distanz gleichförmigen Tonbrocken, es wäre kaum auszuhalten.

Hier geht es um die beständige Verfeinerung genuin schwarzer Musikstile wie Reggae, Dub, HipHop oder Soul bis hinein in kleinste Arrangementdetails. Spinnertum auf höchstem Niveau.

Dieses definierte anfangs ein ganzes, die 90er-Jahre mit Bands und Künstlern wie Portishead oder Tricky bestimmendes Genre namens TripHop. TripHop galt dank einer bald folgenden Tausendschaft beflissener, allerdings mehr mit der Sampling-Taste als einem Instrument werkelnder Plagiatoren (Sneaker Pimps, Morcheeba, Vienna Scientists ...) bald als seichter Tauchgang im Caffè Latte einer sich über das Frühstückslokal mit DJ-Beschallung definierenden Generation, der Musik ungefähr so wichtig war wie einem James Last etwa Duke Ellington oder einem Richard Dorfmeister Peter Kruder.

Untergangspropheten

Massive Attack aber sind so wie derzeit auch Portishead mit ihrem Comeback Third immer die großen Untergangspropheten geblieben. Sie produzieren düstere Soundskulpturen, die über die Jahre nichts von ihrer Unverwechselbarkeit verloren haben. Auf der LCD-Wand im Bühnenhintergrund laufen menschenverachtende Sinnsprüche wie jene des beim Wort Kultur zur Waffe greifenden Joseph Goebbels - oder von Josef Stalin: "Der Tod eines Mannes ist eine Tragödie, aber der Tod von Millionen nur eine Statistik."

Vorne zerren die Gitarren Klagelaute, kratzt der DJ alten Soul vom Plattenteller, pocht ein einsamer Drum-Computer dem Sonnenuntergang hinterher. Dazu laufen die oft nur noch resignativ gemurmelten neuen Songs eines kommenden Februar erscheinenden neuen Albums wie das bedrückende Marakesh, Dobro, oder Red Light.

Am Ende eine Bestandsaufnahme von Liebe ohne Verliebtsein, Karmacoma: "You sure you want to be with me, I've nothing to give. Won't lie and say this lovin's best. Leave us in emotional peace. Take a walk, taste the rest. No, take a rest." (Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe, 02.08/03.08.2008)

  • Das Leben ist ein Jammertal, in dem es keine Hoffnung und kein
Rauchverbot gibt. Daddy G von Massive Attack möchte uns in der Wiener
Arena zwar gern trösten. Aber er will uns auch nicht belügen.
    foto: fischer

    Das Leben ist ein Jammertal, in dem es keine Hoffnung und kein Rauchverbot gibt. Daddy G von Massive Attack möchte uns in der Wiener Arena zwar gern trösten. Aber er will uns auch nicht belügen.

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