"Die Leute sind stinksauer"

1. August 2008, 17:33
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Der Bürgermeister von Lampedusa kritisiert im derStandard.at-Interview die Regierung und meint, die katholische Kirche solle leer stehende Räume für Flüchtlinge zur Verfügung stellen

Allein am vergangenen Donnerstag kamen 800 Flüchtlinge auf der kleinen Mittelmeerinsel Lampedusa an. Insgesamt 1700 Menschen befinden sich zurzeit im Auffanglager der etwa 20 Quadratkilometer großen Insel mit rund 6000 Einwohnern. Auch letztere seien "stinksauer, weil es der Staat bis heute nicht geschafft hat, entsprechend zu reagieren", kritisiert der Bürgermeister von Lampedusa, Bernardino de Rubeis, im derStandard.at-Gespräch.

 

derStandard.at: Das Auffanglager auf Lampedusa ist zum Bersten voll, allein am letzten Donnerstag sind 800 neue Flüchtlinge auf der Insel gelandet. Wie gehen Sie damit um?

de Rubeis: Ich habe den Vatikan angerufen: Die Kirche muss ihre Klöster und Seminare für die Immigranten öffnen. Und zwar so lange, bis endlich Hilfe von der Regierung kommt, die ja offensichtlich Probleme hat, Platz für die Flüchtlinge aus Lampedusa zu finden. Ich habe auch schon Gespräche mit einigen Diözesen geführt.

derStandard.at: Gibt es Zusagen?

de Rubeis: Inzwischen habe ich eine Zusage aus Salerno erhalten, dass sie im Notfall tausend Flüchtlinge unterbringen könnten. Mit anderen Einrichtungen bin ich noch im Gespräch. Einige haben Hilfe angekündigt, aber vieles ist noch sehr vage.

derStandard.at: Die Kirche soll Probleme lösen, an denen die Politik scheitert?

de Rubeis: Das ist sicher etwas, was man verurteilen kann. Aber ich bitte um Verständnis, wir befinden uns in einer Notlage. Das sind keine Bestien, das sind Menschen, die ihr Land verlassen haben, um eine bessere Zukunft zu suchen, weil dort, wo sie herkommen, Krieg, Hunger und Verzweiflung herrschen. Viele von ihnen sterben im Meer. Also appelliere ich an die Kirche: Tut etwas, um diesen notleidenden Menschen zu helfen. Das Auffanglager erlebt den absoluten Kollaps – 1700 Menschen, das sorgt für ernste Probleme. Zusätzlich zu den Problemen, die die Insel ohnehin schon hat. Thema Transport: Im Oktober laufen die Flugverbindungen vom Festland nach Lampedusa aus, weil die Fluggesellschaft aus finanziellen Gründen den Vertrag gekündigt hat.

derStandard.at: Wie ist die Stimmung in der Bevölkerung?

de Rubeis: Die allgemeine Stimmung ist schlecht. Dieses Leben in ständiger Alarmbereitschaft macht die Leute überdrüssig. Wir sind ja ein Tourismusgebiet, sind alle durch den Fremdenverkehr groß geworden. Die meisten Touristen wählen ein anderes Urlaubsziel. Die Leute hier sind bereit, Aufnahmeort zu sein. Aber sie sind auch sauer, stinksauer, weil es der Staat bis heute nicht geschafft hat, entsprechend zu reagieren.

derStandard.at: Die Regierung hat den Notstand ausgerufen. Ist das die Lösung?

de Rubeis: Der Notstand ist Teil eines Pakets, das uns mehr finanzielle Mittel bringen soll. Aber Geld ist nicht die einzige Lösung. Wir brauchen auch mehr lokale Befugnisse. Wir sind es müde, Assistenten von Präfekten und Superpräfekten zu sein, die nur ein paar Mal im Jahr hier sind und von Rom aus die Fäden ziehen, und wir dürfen nur zuschauen. (Innenminister, Anm.) Maroni soll nach Lampedusa kommen und sich mit den Menschen hier solidarisch zeigen. Wir brauchen neue Auffangzentren in Sizilien. Denn die Flüchtlingsboote werden weiter ankommen, und solange sie kommen, werden wir die Menschen aufnehmen. (Maria Sterkl, derStandard.at, 1.8.2008)

Zur Person

Bernardino de Rubeis von der Lega Nord ist seit Mai 2007 Bürgermeister von Lampedusa. Die etwa 20 Quadratkilometer große Insel nahm im Vorjahr 20.000 afrikanische Flüchtlinge auf.

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