"Die Firma ist ein soziales System"

3. August 2008, 16:00
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Unbemerkt von Chefs und Kollegen geschehen sehr menschliche Dinge in der Arbeit - Ein Interview über den geheimnisvollen Büroalltag mit dem Sozialanthropologen Peter H. Karall

"Der Stellenwert von alltäglichen sozialen und kulturellen Phänomenen in Unternehmen wird unterschätzt", erklärt der Wiener Sozial- und Medienanthropologe Peter H. Karall im Interview mit Marietta Türk. Er beschäftigt sich gemeinsam mit seiner Frau, der Kultur- und Sozialanthropologin Bettina Brixa aus kultur- und sozialanthropologischer Sicht mit den Überschneidungen und Gemeinsamkeiten zwischen Beruf- und Privatleben. derStandard.at/Karriere befragte die beiden in einer Interviewserie zum Menschsein im Arbeitsprozess und gewann überraschende Erkenntnisse. Teil 1

derStandard.at: Was hat denn Sozialanthropologie mit Karriere und Berufsleben zu tun?

Karall: Auch eine Firma ist ein soziales System, in dem Kultur eine wesentliche Rolle spielt. Die Business Anthropology sieht Organisationskultur nicht irgendwo hoch oben im Leitbild angesiedelt. Uns interessiert vor allem, welche Vorstellungen und Werte es in einem Unternehmen gibt, nach welchen Regeln und Ritualen das Verhalten und die Kommunikation der Mitarbeiter ablaufen, wie Macht und Hierarchien aufgebaut sind, wo es Divergenzen zu allgemeinen gesellschaftlichen Werten und Normen gibt und wo die Überschneidungen liegen.

Informelle, für klassische wirtschaftliche Studien und Beratungen häufig unsichtbare Strukturen sind in einem Unternehmen oft wichtiger als die formellen, offiziellen. Persönliche Beziehungen zwischen Mitarbeitern beeinflussen Arbeitsabläufe oft stärker, als man denken würde.

derStandard.at: Kann man heute überhaupt noch die Grenze zwischen Privat- und Arbeitsleben ziehen?

Karall: Wir sprechen im Alltag oft von "Beruf" und "Privatleben" als von zwei getrennten, womöglich sogar gegensätzlichen Bereichen. Tatsächlich sind beide Sphären eng miteinander verwoben. Die Vorstellung vom Menschen, der in zwei sauber getrennte Rollen schlüpft, ist aber eine Illusion.

derStandard.at: Emotionen und Charakter bleiben nicht vor der Bürotür. Wie spielt die Persönlichkeit in die Unternehmenskultur hinein?

Karall: Der Charakter, oder, besser formuliert, die individuelle Persönlichkeit fließt in das Unternehmen mit ein. Auch der ethnische, soziale und individuelle Background der einzelnen Mitglieder einer Organisation spielt dabei eine große Rolle - egal ob ethnisch, bildungsgeschichtlich oder regional, egal ob bezogen auf den typischen Freundeskreis, auf politische und ethische Werthaltungen oder auf den familiären Hintergrund. Das alles ist Teil der verschiedenen Subkulturen, denen man im Büro angehört, wie Branche, Abteilung, Statusgruppe etc..

derStandard.at: Welche Wechselwirkungen gibt es?

Karall: Die Wechselwirkungen zwischen Vorgängen innerhalb und außerhalb des Büros können sehr stark sein. Beruflich bedingte Existenzangst bleibt nicht an der Schwelle der Bürotür zurück, umgekehrt kann ein ausgeglichenes und erfülltes Leben außerhalb des Büros die Notwendigkeit der Selbstbestätigung im Beruf abdämpfen. Abgrenzung ist nicht von ungefähr eines der häufigsten Coachingthemen.

derStandard.at: Welche Rolle spielen denn Ereignisse, Erfolge und Niederlagen aus unserem Arbeitsleben für unser Leben insgesamt?

Karall: Der Beruf beansprucht einen großen Teil der menschlichen Lebenszeit. Berufliche Erlebnisse sind oft Thema Nummer eins beim Abendessen. Besonders frustrierende Ereignisse und berufliche Sorgen können die Stimmung im Privatleben dominieren. Auch beim Treffen mit Freunden kommt irgendwann unweigerlich das Thema Beruf aufs Tapet. Eine kürzlich erfolgte Beförderung oder ein gelungener Geschäftsabschluss machen auch privat stolz. Ganz generell bilden Erlebnisse aus der Arbeitswelt einen nicht unwesentlichen Teil des privaten Gesprächsstoffs.

derStandard.at: Was passiert, wenn die eigenen Wertvorstellungen auf ein starres System prallen?

Karall: Bestehen Widersprüche zwischen den drei wesentlichen Bereichen der Organisationskultur - den Vorstellungen, dem Verhalten und dem materiellen Bereich, den "Artefakten", so ist das zumindest unbewusst spürbar. Wenn die Förderung von innovativen Ideen (Vorstellungen) deklariertes Ziel ist, ein Mitarbeiter, der in einem Meeting ein ungewöhnliches Projekt vorschlägt, aber ignoriert oder belächelt wird (Verhalten) und an Status verliert und außerdem sowieso keine zeitlichen und finanziellen Ressourcen für derlei Projekte vorhanden sind (materieller Bereich), kann das eine ständige Quelle von Verunsicherung sein.

derStandard.at: Welche Probleme stellen sich einem fruchtbaren Arbeitsklima noch entgegen?

Karall: Ein kritischer Erfolgsfaktor ist auch die Art und Weise, auf die man einen Triumph erreichen oder Anerkennung gewinnen kann: Gibt es Möglichkeiten, flexibel Hand in Hand zu arbeiten, oder leidet unter jeder zeitlichen Investition außerhalb des unmittelbaren Arbeitsbereiches irgendeine meiner Kennzahlen? Wie stark ist mein berufliches Weiterkommen davon abhängig, meine eigenen Kollegen in den Schatten zu stellen? Werde ich für Einzelaktionen, die kurzfristig auffallen, aber vielleicht langfristig gar nicht ziel- und erfolgsorientiert sind, belohnt? Das sind alles Fragen die das Klima beeinflussen.

derStandard.at: Der Arbeitsplatz ist voller sozialer Beziehungen. Kann Freundschaft dort zum Problem werden?

Karall: Generell kommt es durch enge Freundschaften am Arbeitsplatz oft zu Rollendiffusionen. Im Ernstfall, wenn zum Beispiel eine Information, die nicht weitergegeben werden dürfte, über das berufliche Schicksal des befreundeten Kollegen entscheiden würde, hat man keine Möglichkeit mehr, richtig zu handeln, da man entweder die eine oder die andere Rollenverpflichtung verletzen muss. Natürlich hat aber nicht jedes persönliche Gespräch gleich etwas mit Freundschaft zu tun.

derStandard.at: Sich persönlich besser zu kennen, bringt aber auch Vorteile mit sich.

Karall: Einander auch einmal in einer lockeren Atmosphäre außerhalb des Bürokontextes kennen zu lernen und etwas gemeinsam zu unternehmen, bietet die Möglichkeit, jemanden, den man nur in seiner beruflichen Rolle wahrnimmt, in einem anderen Kontext zu sehen.

Andererseits erzeugen vor allem verordnete und in großem Ausmaß oder hoher Intensität stattfindende Gruppen bildende Maßnahmen auch starken Druck und sind mitunter unter dem Deckmäntelchen der Emotionen und der persönlichen Befindlichkeiten nichts anderes als ein Versuch des Zum-Funktionieren-Bringens. Mit dem Zweck eines besseren Arbeitsoutputs, bei dem der Mensch als Person tatsächlich sehr weit im Hintergrund steht.

Genauso gibt es Networking-Profis, die immer ein freundliches und persönliches Wort parat haben und durchaus auch Privates ins Gespräch einbringen beziehungsweise dem Gesprächspartner die Möglichkeit geben, anzubringen, was ihm auf dem Herzen liegt. Das Gleichgewicht kippt jedoch dann, wenn nicht auf allen Seiten dasselbe Bewusstsein und dieselbe Vorstellung von Privatsphäre und Diskretion herrscht.

derStandard.at: Wann wird die Arbeit zum Ersatz für private Beziehungen?

Karall: Die österreichischen Band "Schauer" hat auf ihrer letzten CD in einem Lied mit dem Titel "Arbeit" in bester Tradition Helmut Qualtingers eine zerrüttete Beziehung und einen Menschen beschrieben, der aus dem Beziehungsalltag in die Arbeit flüchtet. Ähnliche Situationen kommen im wirklichen Leben häufiger vor, als man denkt. Wenn das Privatleben nicht "klappt", wird der Beruf zum Zentrum des Lebens.

Andererseits ist bei einer 60-Stunden-Woche oft gerade der Beruf die Ursache dafür, warum das Privatleben de facto nicht existiert. In manchen Berufssparten ist es auch üblich, dass sich der Freundeskreis hauptsächlich aus Kollegen zusammensetzt - ein Faktum übrigens, das von einigen Unternehmen durch betriebliche Veranstaltungen und die Gruppengemeinschaft stärkende, oft verpflichtende Angebote stark gefördert wird. Übersehen wird dabei vom Management und den Personalverantwortlichen manchmal, dass dadurch der Input von Außen abhanden kommt. Das ist einer von mehreren Gründen für das Boomen der Beraterszene: In Workshops werden Irritationen eingebracht und bestehende Perspektiven wieder hinterfragt.

derStandard.at: Die Firma ist ein Fixpunkt im Leben. Kann der Beruf auch so etwas wie 'verloren gegangene' Geborgenheit geben?

Karall: Wir leben heute in Zeiten des Wandels und der Widersprüche. Eine Folge davon ist die von vielen Menschen verspürte Orientierungslosigkeit. Postmoderne Gesellschaften sind besonders dadurch gekennzeichnet, dass sie keine langfristigen Perspektiven mehr zulassen. Niemand kann heute mehr sagen, wo er/sie in einem Jahr oder gar in einem Jahrzehnt stehen wird. Die großen Utopien haben in diesem Sinne längst ausgedient. Diese Unplanbarkeit gilt mehr denn je für den eigenen Arbeitsplatz. Andererseits sind für eine Karriere Berufserfahrung in verschiedenen Firmen und auch im Ausland fast schon Voraussetzung - im Gegensatz zur Firmentreue, die eine Generation davor noch hoch angeschrieben war.

Dennoch wirkt, nicht zuletzt bedingt durch die viele im Büro verbrachte Zeit und das Sozialgefüge aus Kollegen, der Beruf als soziale Konstante. Auch anderen gegenüber definieren wir uns ja beinahe immer über den von uns ausgeübten Beruf. Das verlangt eine relativ hohe Identifikationsleistung und impliziert trotz aller eventuellen Unzufriedenheiten ein gewisses Zugehörigkeitsgefühl. Zugehörigkeit bedeutet fast immer auch so etwas wie Geborgenheit. Man ist in ein soziales Gefüge integriert, ausgeschlossen zu werden erzeugt meist hohen Leidensdruck oder ein Gefühl der Einsamkeit, das nicht zuletzt Manager empfinden, wenn es auf ihrer eigenen Ebene nur Konkurrenten und keine Peers mehr gibt. Auch die verheerenden Auswirkungen von Mobbing haben ihre Wurzeln unter anderem genau hier.

derStandard.at: Wir haben vom Problem der Abgrenzung und des Abschalten-Könnens gesprochen. Wie kann das funktionieren?

Karall: Es ist in einer Welt des Wandels sicher einmal nötig, diesen zu akzeptieren und zu lernen bestmöglich darauf zu reagieren. Dazu gehört es, Fähigkeiten wie Abgrenzung, Zeitmanagement etc. zu erlernen und einzusetzen. Es ist aber auch mehr denn je nötig mit Komplexität umgehen zu können, Vorgänge auf verschiedenen Ebenen zu verstehen und dazu komplexe Zusammenhänge auf Wesentliches zu reduzieren, ohne zu versimplifizieren. Auch das ist heute eine wichtige Fähigkeit, um die eigene berufliche Position mit allen positiv und negativ empfundenen Facetten zu begreifen und bestmöglich zu leben. (derStandard.at, 4.8.2008)

Lesen Sie Teil 2: Interview: "In der Rauchpause wird mehr ausgetauscht als Feuerzeuge"

Veranstaltungshinweis

Peter H. Karall und Bettina Brixa werden dieses Thema im kommenden Winter wieder für ein breites Publikum an einigen Wiener Volkshochschulen präsentieren. Diese Vorträge mit dem Titel "Was auch der Chef nicht weiß ..." bieten Interessierten die Möglichkeit, einen fiktiven Angestellten durch seinen Arbeitsalltag zu begleiten und dadurch vielleicht selber Erlebtes aus einer anderen Perpektive zu sehen.

  • Das Zusammensein in der Firma hat ganz eigene Gesetze
    foto: photodisc

    Das Zusammensein in der Firma hat ganz eigene Gesetze

  • Zur Person
Peter H. Karall ist Sozial- und Medienanthropologe und Lehrbeauftragter am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte sind Medientechnologien, Kultur und Gesellschaft, Identität, Kommunikation und Macht.
Er macht Projekte an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft und arbeitet derzeit an der Entwicklung neuer Ansätze im Bereich Bildungscoaching und Organisationsberatung.
    foto: privat

    Zur Person

    Peter H. Karall ist Sozial- und Medienanthropologe und Lehrbeauftragter am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte sind Medientechnologien, Kultur und Gesellschaft, Identität, Kommunikation und Macht.

    Er macht Projekte an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft und arbeitet derzeit an der Entwicklung neuer Ansätze im Bereich Bildungscoaching und Organisationsberatung.

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