Die Stadt Wien hat ein Provisorium aufgestellt, in dem ab Herbst obduziert werden kann - Ungefähr zeitgleich soll auch der Businessplan für ein neues Institut der Gerichtsmedizin stehen
Wien - Neben einem alten Gewächshaus, auf dem mitten im Zentralfriedhof gelegenen Areal der Friedhofs-Gärtnerei, stehen ein paar graue Container. Nur wenige Meter und ein Zaun trennen sie von den Grabsteinen und Kreuzen des zweitgrößten Friedhofs Europas. Zwei Arbeiter verpassen den grauen Quadern Donnerstagmittag gerade ein gemeinsames Vordach aus hellem Holz. "Das schützt auch noch etwas vor Hitze", sagt Friedhöfe Wien-Geschäftsführer Erhard Rauch. An der Rückseite des Gebildes ist der noch viel effektivere Wärmeschutz zu sehen: Kühlaggregate. Sie dienen nicht etwa der Konservierung von hitzeempfindlichen Pflanzen. In dem provisorischen Kühlraum sollen ab Herbst bis zu 30 Leichen aufbewahrt werden. Im unmittelbar anschließenden Container entsteht gerade ein Arbeitsraum mit Obduktionstisch. Ein kleines Badezimmer mit zwei Waschbecken und WC machen das Provisorium für Gerichtsmediziner und Pathologen komplett.
"Das ist eine Zwischenlösung, die die Spitäler entlasten soll", erklärt Landessanitätsdirektorin Karin Spacek dem STANDARD. Als Reaktion auf Kritik vom Rechnungshof dürfen seit Jänner 2008 am Institut der Gerichtsmedizin in der Sensengasse keine Leichen mehr geöffnet werden. Seither stellen das SMZ Ost, die Rudolfstiftung, das Krankenhaus Hietzing und das Kaiser-Franz-Josef-Spital (KFJ) die Infrastruktur zur Verfügung. Bei Problemen schieben die Ministerien, die Stadt Wien und die Med-Uni jeweils einem anderen Player die Schuld in die Schuhe.
In Hietzing und im KFJ werden auch stärker verweste Tote, "Faulleichen", obduziert. Diese stellen aus hygienischen und geruchstechnischen Gründen ein Problem für Krankenhäuser dar. Das Provisorium am Friedhof soll die Situation verbessern.
Laut Friedhöfe Wien-Geschäftsführer Rauch hat sich die Stadt Anfang Juni nicht nur wegen des ausreichenden Platzes für die Zwischenlösung am Zentralfriedhof entschieden. "Beinahe 100 Prozent der Leute, die hierher kommen sollen, werden dann auch am Zentralfriedhof zur letzten Ruhe gebettet", betont Rauch. Insbesondere jene Leichen, die bereits einen "gewissen Verwesungsgrad" aufwiesen, hätten oft keine Angehörigen mehr. Dann müsse ohnehin die Stadt Wien für die Bestattung aufkommen. Da sich die Container nicht direkt zwischen Gräberreihen befänden, werde es auch "keine Probleme wegen Geruchsbelästigung geben", ist Rauch überzeugt. "Es gibt auch namenlose Leichen, die so lange aufgebahrt werden müssen, bis ihre Identität geklärt ist. Das ist Krankenhäusern nicht zumutbar", sagt Spacek.
Neuer Institutsplan ab Herbst
Die Landessanitätsdirektorin zeigt sich "zuversichtlich, dass die Interimslösung eine solche bleibt." Vor wenigen Tagen traf sich erneut die Arbeitgruppe zur Zukunft der Gerichtsmedizin unter der Leitung des Gesundheitsministeriums, an der auch Vertreter des Innen-, des Justiz- und des Wissenschaftsministeriums sowie der Stadt Wien teilnehmen. Bis Herbst soll laut Spacek der Business- und Finanzplan für ein neues Institut stehen. Über den Standort könne sie noch nichts sagen. Derzeit werde über die Infrastruktur und neue Methoden des Instituts beraten. Im Gespräch sei etwa die Virtopsie, bei der mittels bildgebender Verfahren (z. B. der Computertomografie) der Zustand eines Körpers ohne Sezieren erfasst wird. In dem Konzept für eine neue Gerichtsmedizin soll auch festgeschrieben werden, wie Wien als Forschungsstandort gesichert werde, sagt Spacek.
Bis aus dem Plan Realität wird, wird die Zwischenlösung am Zentralfriedhof neben dem alten Gewächshaus herhalten müssen. Bisher hieß es aus der Arbeitsgruppe meist, dass die Gespräche schleppend vorangingen. (Gudrun Springer, DER STANDARD - Printausgabe, 1. August 2008)