Honig zu verschenken

2. August 2008, 17:00
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Ute-Woltron ist für ein paar Wochen in Sommerpause und somit im Garten - Für die nächsten Ausgaben wagt sich Christian Schachinger ins Freie

Dieses Mal in die Nähe eines Bienenstocks...

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Dass es sich bei Bienen um möglicherweise äußerst bedeutende Lebewesen handelt, erklärt mir der Herr Nachbar nicht nur anhand gesammelter Erkenntnisse aus Werken wie "Der Wochenendimker" oder einem Zitat von Einstein. Letzterer meinte laut dem Herrn Nachbarn ja einmal, dass, wenn die Bienen nicht mehr fliegen würden und damit die Bellaflora nicht mehr bestäubt werden würde, eines passiere: Die Natur ginge zugrunde, die Erde geriete auf die schiefe Bahn Richtung Apokalypse. Ende. Aus. Bienen sind wichtig!

Auch Aristoteles äußerte sich laut dem Mann von der anderen Seite des Gartenzauns übrigens schon wohlwollend über die Bienen. Ganz zu schweigen von Vergil. Der setzte ihnen in seiner "Georgica" überhaupt ein literarisches Denkmal. Aber hallo.

Zuckerkrank gilt nicht

Kurz: Der Herr Nachbar ist gemeinsam mit Freunden seit einem halben Jahr Wochenendimker und verschenkt dank dreier Völker in drei Stöcken mittlerweile verzweifelt, weil kiloweise Honig an Bekannte, Freunde und zufällig am Wochenendhaus vorbeikommende Passanten. Zuckerkrank gilt nicht.

Aber wie heißt es schon bei Karl Weiß in "Der Wochenendimker", der "als kleiner Feldherr" seine Heere "mit Vorbedacht und Geschick in fremde Ländereien führt, um mit ihnen unbemerkt und heimlich Beute zu machen": Es gebe nichts Schöneres als "wohlgefüllte Honigtöpfe. Daraus darf meine Familie schlecken, und es bleibt auch noch etwas für meine Freunde übrig. Zuletzt kann ich mit meinen Überschüssen auch noch auf den Markt gehen. Wenn ich dann den süßen Inhalt feilhalte, komme ich mir nicht wie ein profitlicher kleiner Krämer, der nur auf Gewinn aus ist, sondern eher wie ein Beglücker der Menschheit vor, denn meine Ware ist das gesündeste und beste Nahrungsmittel der Welt."

Der Nachbar kann Ihnen im Einklang mit seinem Hobbyimker-Team und nach einem Besuch der Wiener Imkerschule übrigens bestätigen, dass es sich bei Bienenzüchtern um "sehr schrullige, meist ältere Männer" handle, die "echt merkwürdig drauf" seien.

Wo die Imkerverbände international gröbere Nachwuchsprobleme bekunden, ist zumindest im Waldviertel seit einem halben Jahr wieder alles in bester Ordnung. Auch beim auf die 50 zugehenden Herrn Nachbarn handelt es sich um einen schrulligen älteren Herrn, der mitunter echt merkwürdig drauf ist. Feldherr ist er sowieso.

Hobbyschnapsbrennerei und Fischzucht

Er kann zum Beispiel nicht einfach so in der Sonne im Garten sitzen, um dort mit den Füßen im Wasserschaffel wohlwollend dem Gras beim Wuchern zuzuschauen. Das geht nicht, das würde ja jeder normale Mensch tun! Ein gelungenes Wochenende im Garten sieht eher so aus: Nach dem Zukauf eines Obstgartens für hauseigenen Apfelsaft, dem Erwerb eines Waldstücks fürs Lagerfeuer und die unerträglich kalten Winter in der rauen Gegend (die man bitteschön ohnehin in der Stadt verbringt!) und der zumindest laut angedachten Erweiterung auf Hobbyschnapsbrennerei und Fischzucht - oder der Eröffnung eines zweiten Waldviertler Kameltheaters mit angeschlossener Käserei - drängt es ihn derzeit eben zu den Bienen.

Wenn man die Herren und Damen Imker (eine Frau ist auch dabei, das gilt in Fachkreisen als Sensation!) dann aber in ihren weißen Raumanzügen bei den Bienenstöcken am Waldrand stehen sieht, wie sie still und andachtsvoll mit langsamen Bewegungen ihrem Geschäft nachgehen, versteht man die Faszination für diesen, nun ja, Zeitvertreib. Jeweils bis zu 80.000 Bienen aufweisende Völker müssen gezählt und geherzt, die Zargen behutsam geöffnet werden, um in den einzelnen Zanderwaben den Fortpflanzungsstand und die Honigproduktion zu überwachen. Mittels baulicher Erweiterungen muss danach getrachtet werden, dass ein zu groß gewordenes Volk nicht ausschwärmt und verlorengeht. Und die für Bienen fatale Varroamilbe, die die Stöcke vernichtet, muss obendrein bekämpft werden.

Imkerei, mit der Biene als nach dem Rind und Schwein wichtigstem Nutztier, bringt Ordnung ins Leben. Die Welt ist das Chaos, der Garten schafft Sicherheit. Den Honig kann man sich dann nach dem Schleudern ja schenken. (Christian Schachinger/Der Standard/ rondo/01/08/2008)

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    Herr der Bienen:  Die Freizeitimkerei gilt als Hobby, das von schrulligen älteren Herren in bizarren Raumfahrtanzügen mit Bedacht und Andacht ausgeübt wird. 

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