Einheitliche Piktogramme für Europas Straßen

29. Juli 2008, 20:09
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Die Donau-Universität Krems analysiert die Benutzbarkeit von digitalen Verkehrsleitsymbolen

In der Vienna Convention on Road Signs and Signals wurden vor mittlerweile 40 Jahren jene Verkehrszeichen festgelegt, die alle Führerscheinbesitzer kennen sollten - etwa die rot eingekreisten Geschwindigkeitsbeschränkungen. Mit Variable Message Signs (VMS) wird heute vermehrt versucht, den Verkehr zusätzlich zu steuern. Auf den balkenförmigen elektronischen Displays werden anlassbezogene Informationen, etwa zu Stau, Wetterlage oder Sperren, an die Lenker vermittelt. Üblich sind derzeit schriftliche Informationen in den jeweiligen Landessprachen oder Symbole, die sich in ganz Europa unterscheiden - was das Verständnis nicht immer ganz leicht machte.

Das europäische Straßennetz soll nun selbsterklärend werden. "In Safety" heißt ein Projekt, in dem das International Institute for Information Design (IIID) in Wien gemeinsam mit Partnern und Fachleuchten in sieben Ländern Vorschläge zur sprachunabhängigen Vereinheitlichung von Piktogrammen, Schlüsselwörtern, zweisprachigen Mitteilungen und Schriften für frei programmierbare Symbole erarbeitet.

Das Team um Peter Simlinger sammelte Piktogramme aus ganz Europa und gewann Designer für den Gestaltungsprozess. Für rund 80 Begriffe legte IIID 2977 - bereits bestehende und neu entwickelte - Zeichen vor. "Das Symbol für 'Objekte auf der Straße' war eine Herausforderung. Naturalistische Darstellungen - egal ob Rentiere, Kühe oder Rehe auf der Straße - wurden gut verstanden", fasst er zusammen.

Für den Institutsleiter ist Design aber nicht nur ein entwerfender Prozess, sondern auch ein überprüfbarer. Also wurde das Department für "Wissens- und Kommunikationsmanagement" der Donau-Uni Krems hinzugezogen, um die Verständlichkeit zu testen und zu evaluieren.

Die Donau-Uni, die laut Wissenschaftsminister Johannes Hahn eine Volluniversität werden soll, entwickelte Testserien für 2667 Probanden in Österreich, Ungarn, Tschechien und Spanien. Man koordinierte und analysierte sie, musste sie aber für vertiefende Fragestellungen auch erweitern. "Die Herausforderung dabei war die Berücksichtigung von animierten Symbolen, erschwerten Sichtbedingungen und die Informationsmenge, die in einer Autobahn-Situation erfasst werden kann", so Teamleiterin Karin Siebenhandl.

Die erste Testserie in allen vier Ländern filterte die bestgeeigneten Varianten für denselben (bekannten) Begriff heraus. Die Probanden sollten einschätzen, wie viel Prozent der Autofahrer die verschiedenen Symbole - zum Beispiel für "Nebel" oder "Radar" - verstehen würden. "Zuerst war die Fremdsicht gefragt. Bei den aufbauenden Serien wurde die Bedeutung und Reaktion des einzelnen Testers erfasst", ergänzt Siebenhandl.

Das Gestaltungsteam wiederum "hat aus den falschen Antworten am meisten gelernt", so Simlinger. Wenn eine gesperrte Brücke in Seitenansicht gezeigt wird, halten sie viele für ein Bauwerk, unter dem man durchfahren kann. Im endgültigen Vorschlag wurde die Brücke also gedreht und perspektivisch dargestellt.
Geisterfahrer-Warnung

In einer dritten Testserie wurden mit Flash animierte Piktogramme getestet, also Überblendungen oder Mini-Filme, wie zum Beispiel "Der Geisterfahrer". Die Simulationsbedingungen ergaben sich aus einer dänischen Formel mit erprobten Werten zu Betrachtungsdauer, Sichtentfernung und der Mindestgröße des kleinsten grafischen Details. In abgedunkelten Räumen hatten jeweils 150 Probanden bei 100 Stundenkilometern 3,33 Sekunden Zeit pro Zeichen. Sie gaben auch hier Auskunft über das Gesehene und ihre geplante Reaktion. "Der Kontext spielt eine wichtige Rolle in der Verständlichkeit. Realistische Zeichen sowie die Fahrerperspektive erhöhen die Verständlichkeit", weiß die Teamleiterin. Aus den Ergebnissen aller Tests wurden zuletzt drei Verständlichkeitsklassen ermittelt. "Wenn man die Zeichen kennt und sie einfach gestaltet sind, können bis zu vier gleichzeitig angezeigt werden. Manche Piktogramme müssen komplexer gestaltet werden und die darauf gezeigte Zahl entsprechend reduziert. Es ist nicht alles so einfach wie eine 80er-Beschränkung", sagt Peter Simlinger.

Eine norwegische Studie liefert auch erste Ergebnisse zur Einhaltung der Anweisungen: Autofahrer bremsten, um die Textinfos lesen zu können. Sie waren aber immer noch schneller unterwegs, als die höchstzulässige Geschwindigkeit.

Simlingers Einschätzung: "Ohne Sanktionen werden auch anlassbezogene und blinkende Infos weitgehend ignoriert werden. Die Überwachung auf Autobahnen wird aber künftig zunehmen und weitgehend automatisiert sein." (aku/DER STANDARD, Printausgabe, 30.7.2008)

  • Piktogramme, die den Testpersonen zum Thema "Radar" vorgelegt wurden.
    illu.:donau-universität

    Piktogramme, die den Testpersonen zum Thema "Radar" vorgelegt wurden.

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