Der Kandidat, der sich selbst genug Konzept ist

  • Das Herz hat gesiegt: Fritz Dinkhauser wird kandidieren.

    Das Herz hat gesiegt: Fritz Dinkhauser wird kandidieren.

Jetzt aber wirklich: Fritz Dinkhauser will bei den Nationalratswahlen kandidieren

Er gilt als erfrischende Alternative zu einer satten Politikerszene. Warum eigentlich? Wofür steht der knorrige ÖVP-Dissident?

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Wien - Ein Zehner für die Blasmusik, ein Fünfer für die Bedienung: Der Griff in den Hosensack ist ein Markenzeichen des Fritz Dinkhauser, schließlich will das Image des "Robin Hood der Berge" (Kronen Zeitung) gepflegt sein. Und sei es nur mit einer milden Gabe auf einem Tiroler Volksfest.

Kleine Gesten und große Sprüche sind das Rezept, mit dem Fritz Dinkhauser nun auch in ganz Österreich reüssieren will. Vokabel wie "Schweinerei" zählen zum Standardrepertoire, wenn der 68-jährige ÖVP-Dissident über die Mächtigen und Großkopferten herzieht. "Aussi aus de Staudn" will er die saturierte Politikerkaste jagen, damit sie sich mehr den "Bucklern" als den "Bonzen" zuwende. Wer knackige Kritik am Establishment hören will, der ist bei Dinkhauser richtig.

So weit, so unverbindlich. Doch was will Dinkhauser, wenn er es ins Parlament schafft, besser machen? Hat der Mann einen Plan?

Zelebrierte Wutausbrüche

Diese Frage stellt sich Katharina Willi schon lange. "Seit 15 Jahren kommt er mit denselben Sprüchen daher" , stöhnt die grüne Kammerrätin, die Dinkhauser als Arbeiterkammerpräsident erlebt hat. Willi beschreibt den Tiroler Working- Class-Hero als Selbstdarsteller, der auf Kooperation mit kleineren Kräften wie den Grünen pfeife und "wie ein Sonnenkönig gegenüber seinen Untertanen" den Gönner spiele. Etwa wenn er - eine typische Dinkhauser-Show - Ehrungen für Arbeitsjubilare veranstalte.

Allerdings, räumt Willi ein, habe Dinkhauser mit seinem lärmenden Stil die Tiroler Arbeiterkammer (AK) zur bekanntesten Österreichs gemacht: "Seine Stärke ist, Ideen schnell aufzuschnappen und geschickt zu vermarkten." So habe Dinkhauser wichtige Projekte gefördert wie einen billigen Sozialmarkt für Arme oder ein Zukunftszentrum für Arbeit, wo Jobsucher ihre Kompetenzen analysieren lassen können.

Auch dem Sozialdemokraten Franz Reiter fallen einige Wohltaten ein, etwa Dinkhausers Einsatz für Arbeitsstiftungen. Ob der Neokandidat aber eine Vision fernab von Einzelmaßnahmen habe, wie das soziale Gefüge verändert werden soll, traut sich der Tiroler Gewerkschaftsboss nicht zu beurteilen: "Im Zweifel ist er jedenfalls auf Seite der Schwachen."

"Keinesfalls für aufgesetzt" hält Fritz Plasser, Dekan der Uni Innsbruck, die öffentlich zelebrierten Wutausbrüche über die sozialen Zustände. Selbst der betont distanzierte Politikwissenschafter konnte sich Dinkhausers jovialem Charme bei den sporadischen Begegnungen nicht entziehen. "Da kommt keine sterile Peinlichkeit, wie bei Treffen mit anderen Politikern, auf" , erzählt Plasser: "Nach 30 Sekunden hat man das Gefühl, man kenne sich seit Jahren."

Kein verkappter Roter

Plasser zählt Dinkhauser zu einem Typus, "der in der ÖVP seit den Achtzigern an den Rand gedrängt wurde" : Kein verkappter Sozialdemokrat, der nur deshalb bei den Schwarzen ist, weil sich's in Tirol so gehört, sondern ein Bürgerlicher in christlich-sozialer Tradition. Große Umverteilungspläne hat Dinkhauser noch keine gewälzt. Um die Einkommen zu heben, fordert er lieber mehr Hilfe für kleine und mittlere Betriebe.

Derartige Absichtserklärungen zählen schon zu den konkretesten Plänen Dinkhausers. Ansonsten spricht er bis dato reichlich vage von "mehr Gerechtigkeit" und der fehlenden "sozialen Dimension".

Klare Vorstellungen traut ihm Plasser "eher auf einer generellen Ebene" zu. "Aber das wird im Wahlkampf nicht spielentscheidend sein" , sagt der Politologe: "Seine Stärke ist, politische Verärgerung in gesellschaftsfähiger Form auszudrücken." Und anders als die "alten" Politiker wirkt Dinkhauser auch dann, wenn er - wie am Dienstag - entwaffnend ehrlich die eigene Konzeptlosigkeit eingesteht: "Das einzige Rezept, das ich liefern kann, bin ich selber." (Gerald John/DER STANDARD, Printausgabe, 30.7.2008)

 

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