Die politische "Parsifal"-Korrektur

26. Juli 2008, 13:26
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Vor dem Festspielhaus das Wagnerbanner, auf der Bühne die Hakenkreuzflagge: Bayreuth übt sich in Geschichtsbewältigung - Stefan Herheims "Parsifal" ist platt und musikalisch wenig attraktiv

Während der ersten Bayreuther Aufführungsserie des Parsifal, im Sommer 1882, durchbrach Richard Wagner nach der Blumenmädchenszene im zweiten Akt zum Befremden des Publikums das von ihm selbst verhängte Applausverbot mit Bravo-Rufen. Sie galten insbesondere dem dritten Blumenmädchen, Carry Pringle mit Namen, der letzten Liebe des damals bald Siebzigjährigen. Als ihm Carry Pringle im Februar darauf nach Venedig nachreiste, enttarnte Cosima die Beziehung und machte ihm am Morgen des 13. Februar eine Eifersuchtsszene, an deren Folgen er noch am selben Nachmittag starb.

Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass der Meister, wäre er Zeuge von Stefan Herheims in diesem Jahr erstellter szenischer Parsifal-Version geworden, sich im zweiten Akt jeglicher Beifallskundgebungen enthalten hätte. Anstatt eines Zaubergartens sieht man ein Lazarett, in dem es die zu Krankenschwestern umfunktionierten Blumenmädchen unter dem Kommando eines Strapse tragenden Transvestiten, der sich als Klingsor entpuppt, mit den gefaschten, oft mühselig auf Krücken humpelnden Verwundeten treiben. Und - neuerdings ja politisch ganz korrekt - mit sich selbst.

Am Ende des ersten Aktes erweisen sich die Gralsritter ja auch schon zur Homophilie neigende Militaristen, die sich, bevor sie, wie auf Videos angedeutet, in den Krieg ziehen, auffallend lange herzen. Und aus dem sie, wie angedeutet, in beklagenswertem Zustand zurückkehren und durch die unkonventionellen therapeutischen Interventionen durch das Krankenhauspersonal wieder ein bisschen aufrichten lassen.

Als dann am Schluss dieser Szene Hakenkreuzfahnen gehisst wurden, ist - für Bayreuth unüblich - im Publikum Unmut laut geworden, der jedoch nach Aktschluss durch das Bravo-Gebrüll einer im Zuschauerraum nistenden Claque im Keim erstickt wurde und sich im lauten Jubel, der zur sichtlichen Freude des Regisseurs nach Ende der Vorstellung aufbrandete, gar nicht mehr zu artikulieren wagte. Herheim hat also ziemlich plakativ auf die Nazi-Karte gesetzt, die nach wie vor in allen Kunstspielen als unbesiegbares Atout alles sticht und die auszuspielen vor allem in Bayreuth nur allzu große Berechtigung hat. Andererseits ist ja auch wieder schade, dass man nach Schlingensiefs ins chaotische Zentrum der Mythen vordringende Version, die nicht den Text, sondern - ganz in Adornos Sinn - die Noten in Bilder verwandelt, nun eine so kulinarisch gelackte und nur künstlich verrätselte Parsifal-Version präsentiert.

Denn Stefan Herheim ist natürlich ein perfekter, in seinen besten Augenblicken brillanter Illusionist. Dies hat er in diesem Parsifal vor allem im Vollzug einer nun schon allgemein gepflogenen, gleichwohl un- wenn nicht gar antimusikalischen Unsitte der szenischen Gestaltung eines Vorspiels wieder bewiesen. Im vorliegenden Fall hat man sich von dessen langweilig zäher Gestaltung durch Daniele Gatti gerne in von den Reizen einer perfekten Optik auf tröstliche Weise verwöhnen lassen.

Heike Scheele als Herheims Bühnenbildnerin hat nämlich den Salon des Hauses Wahnfried auf fast surreal suggestive Weise nachgebaut, den Ulrich Niepel in changierendes Farblicht getaucht hat. So konnte Herheim mit seinen Rätseln loslegen: Wer ist die Frau, die da auf einem Raum beherrschenden Bett liegt? Bald händeringend, bald verführerisch, bald im Sterben, bald mit einem Knaben in Matrosenanzug kuschelnd? Herzeloide, Kundry oder gar Cosima? Im Bedarfsfall natürlich alle drei.

Das ist natürlich Futter für Exegeten und Interpreten. Sodass diese ganz übersehen, dass Stefan Herheim, weil auch in Bayreuth die Probenzeit begrenzt ist, selbige hauptsächlich mit dem überflüssigen Vorspiel vergeudet und das Spiel in abnehmenden Ausmaß an Eindringlichkeit und Präzision verliert. Das Licht funktioniert ungenau, und das Gerumpel auf der Bühne ist einem Bayreuther Festspielhaus unangemessen. Auf der Karfreitagswiese herrscht dann vor einem plätschernden Springbrunnen nur noch das übliche Wagnergefummel. Und das Schlussbild zeigt den Deutschen Bundestag, wo sich die Abgeordneten im Unterschied zu den Gralsrittern, weil sie ja, durch wen auch immer, erlöst sind, ganz züchtig verhalten.

Schrill und ungenau

Schließlich geht man aber noch immer auch wegen der Musik und nicht nur einer Inszenierung wegen in eine Aufführung. Die in Rede stehende ist nur bedingt empfehlenswert. Nicht nur, dass Daniele Gatti, sich von seinem Tempo- und auch Dynamikphlegma nicht und nicht erholt, ist ein Parsifal ohne Kundry kein Parsifal. Mihoko Fujimura wird bei Tönen, die Kopfresonanz erfordern, schrill und ungenau. Damit ist das musikalische Kraftzentrum des gesamten Werkes erheblich irritiert.

Was nützt es dann, wenn Kwangchul Youn einen geradezu schneidend klaren Gurnemanz abliefert und Detlef Roth als Amfortas das zweite R in seinen "Erbarmen"-Rufen auf bewundernswerte Weise zu einem zwischen Es und D liegenden zu Schleifton vokalisiert. Christopher Ventris tut und singt als Titelheld das Übliche, und Thomas Jesatko zieht mit Todesverachtung seine Strapse an und singt so, als wäre er tatsächlich ein Klingsor von besonderer musikalischer Nachdrücklichkeit. (Peter Vujica aus Bayreuth/ DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27. 7. 2008)

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    Detlef Roth als Amfortas und Kwangchul Youn als Gurnemanz. Auch sie vermögen Stefan Herheims platten "Parsifal" mit ihrer Kunst nicht zu retten.

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