"Guitar Hero: On Tour" im STANDARD-Test - Unterwegs so tun, als würde man Gitarre spielen
Rockstars auf Tournee demolieren ihre Hotelzimmer, schütten wie die Bösen Drogen in sich hinein und unterhalten sich immer ganz angestrengt mit Groupies. Kein Wunder, dass das vielen zu anstrengend ist. Plan B sieht so aus: mit zuckenden Fingern und übergestülpten Kopfhörern in der U-Bahn sitzen und mit konzentriertem Blick kleine Bildschirme fixieren, vielleicht noch etwas wippen zu einem Takt, den sonst niemand hört.
Raus aus dem Wohnzimmer
Plan B ist neu und eher für jüngeres Publikum fern von Drogen und Groupies gedacht. Künftig sind aber vielleicht öfter Leute zu beobachten, die ihn wählen. Denn "Guitar Hero", eines der erfolgreichsten Musikspiele, verlässt mit der mobilen Konsole Nintendo DS die Wohnzimmer.
Hat sich der banale Luftgitarrist, der sich zum Gebrauch der "Guitar Hero"-Plastikgitarre und zum taktgenauen Drücken ihrer farbigen Tasten entwickelt hat, nur vor seinen Freunden peinliche Auftritte leisten kann, steht ihm mit Rock Guitar: On Tour die ganze Welt als potenzielles Publikum zur Verfügung. Vier Tasten werden in Form eines kleinen Geräts an die mobile Konsole angesteckt, und während das eine Display durch näherkommende Farbmarkierungen anzeigt, wann man welche Tasten drücken muss, schlägt man mit dem mitgelieferten Plektrum am gegenüberliegenden Touch-Display die Saiten an. Auch drahtlose Mehrspielervarianten sind möglich.
Von Kiss bis Tokio Hotel
Vor allem in schwierigeren Spielmodi muss man eine Schnelligkeit aufwenden, die die Fähigkeiten des Standard-Testers weit übersteigen. Definitiv fördert das Game Taktgefühl und Fingerfertigkeit. Wenn man es drauf hat - oder im einfachen Level bleibt -, hat man durchaus das Gefühl, Teil eines musikalischen Flusses zu sein. Noch dazu, wenn der Fluss gleichzeitig ein nostalgischer ist (Brille nicht vergessen!): Wehmütig mit den 80ern Verbundene können in Riffs von Skid Row oder Kiss genauso Fingerspitzengefühl hineinlegen wie Nachgeborene in Teenie-Rock-Titel von Blink-182, Maroon 5 oder Tokio Hotel. Sogar Nirvana ist dabei. Auf alle Fälle sollte man Kopfhörer verwenden.
Die virtuelle Gitarre ist für Links- und Rechtshänder geeignet, Ergonomie-Preis bekommt sie aber keinen: Beim ersten Probieren sollte man sich jedenfalls auf einen Krampf im Handgelenk einstellen. Mit der Zeit gewöhnt sich die Anatomie aber an die außergewöhnliche Bedienung des kleinen Geräts. Es beruhigt auch immer wieder die unsicheren Spieler: "Du rockst!"
Trend gesetzt
Der Trend zu den portablen Musikspielen, der mit "Patapon" schon auf der PSP landete und im Herbst mit dem Kinderspiel "Zubo" noch einmal auf der NDS zuschlägt, hat sich noch nicht großflächig durchgesetzt, vielleicht auch, weil die Spiele hohe und ganzheitliche Konzentration fordern, die unterwegs nicht immer aufgeboten werden kann. "Guitar Hero On Tour" könnte als Ableger eines großen Wohnzimmerspiels aber wesentlich dazu beitragen, dass die Lawine ins Rollen kommt. (Alois Pumhösel/ DER STANDARD Printausgabe, 26. Juli 2008)