Reportage: Die Jungs aus Afrika

25. Juli 2008, 18:55
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    foto: woltron

    "Es geht auch mit weniger Geld. Man muss die Menschen nur an der richtigen Stelle abholen" : Positivo und Turbodeli in Ternitz.

Wir machen Musik! Wir brechen Tabus! "Positivo" ist eine Band aus Mosambik, ein Projekt gegen Aids, ein Haufen Burschen mit der Energie mehrerer Rhinozerosse

SMS von Dagmar: "hei, bist du da?" SMS zurück: "ja, was geht? hier fad!" Es ist ein später Nachmittag im Sommer. Staubig heiß. Ferienzeit. Halb Ternitz liegt im "Blub" , also im lokalen Strandbad, oder irgendwo in Kroatien und Italien am Strand. Oder mäht im Unterleiberl den Rasen, schnipselt an Rosen, kocht Marillenmarmelade, tratscht mit dem Nachbarn übern Zaun über die anderen Nachbarn.

Wir befinden uns sehr auf dem Land. Jede Unterbrechung dieser ruralen Routine ist äußerst begrüßenswert: Also, was geht? SMS zurück: "die jungs aus afrika sind da. vollgas! wir brauchen dein portugiesisch. komm mit."

Die Jungs aus Afrika - richtig! Irgendwas war doch da mit dem schnuckeligen Schwager von der Dagmar, einem ebenfalls eingeborene Ternitzer. Der war doch im Winter für ein paar Monate in Mosambik, um dort an einem Aidsprojekt mitzuarbeiten. Dagmar hatte damals Kugelschreiber und Malstifte für die afrikanischen Kinder gesammelt, um sie ihm mitzugeben. Einer von uns! Monatelang in Afrika. Und irgendwann, hatte es geheißen, würden die Leute von dort unten die Leute von dort oben besuchen kommen - also sozusagen uns - die Ternitzer.

"Wir" und "die"

Weil "wir" und "die" ein großes, aber heimliches Thema ist in der ehemaligen Stahl- und Industriestadt im südlichen Niederösterreich. Nicht nur hier. Wir sind die Eingeborenen. Die anderen kommen normalerweise aus der Türkei, aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus dem Osten oder sonst woher - und das trennt sich wie Öl und Wasser, und wir alle wissen, dass das nicht gut ist. Aber wirklich viel tut niemand hier für die Völkerverständigung. Sollen doch die anderen, die Politiker, irgendwer, verdammt noch einmal ...

Dagmar wohnt drei Häuser weiter, wir fahren ans andere Ende der Stadt, das dauert ungefähr fünf Minuten. Parkplatzsuchen ist kein Problem in Ternitz, wir entsteigen der Karre auf einer menschenleeren Straße. Einfamilienhäuser links und rechts. Aus einem davon wummert es recht ordentlich - so, wie es in Wien aus nächtlichen Live-Lokalen dröhnt. Und das ruft ein sofortiges Wohlgefühl hervor. Weil wir, wie gesagt, nicht in Wien sind, sondern auf dem Land, und nicht, dass es ganz fad wäre hier, aber mit dem einen Kaffeehaus, den paar Wirtshäusern und den sowieso nur saisonal aktiven Heurigen in den Bauerndörfern der Umgebung reißt man an langen Sommerabenden der Welt nicht wirklich den Haxen aus.

Italien donnert vorbei

Unmittelbar neben uns donnert die Südbahn Richtung Graz vorbei. Oder Italien, wenn man will. Wir nehmen den Hintereingang in eine ehemalige Tischlerwerkstatt - jetzt das Atelier von Dagmars Schwager, der übrigens Bernd Püribauer heißt. Zwei Räume, das Abendlicht sickert durch altes grünes Drahtglas: Sägen, Meißel und anderes Werkzeug aus dem vorigen Jahrhundert an den Wänden, eine alte Hobelbank und allerlei unidentifizierbares Gerät. Dazwischen schaut es aus, als ob Teile eines Flugzeugcockpits malerisch verstreut in einem verstaubten Antiquitätenladen gelandet wären: Boxen, Verstärker, Soundanlagen und anderes Hightech-Zeug, in dem es färbig blinkt.

Während wir reingehen, kommt gerade die Oma heraus: "A fesche Kappön!" Sie hat Kuchen vorbeigebracht für die Jungs, weil die hier gerade ein paar Nummern einspielen, also was Ordentliches im Magen brauchen, und - hallo!? - was auch immer man erwartet hätte: Das hier nicht.

Drei Burschen aus Mosambik, ein Franzose, ein Engländer, zwei Österreicher geigen sich in der ausrangierten Werkstatt weg, dass man sich eigentlich gar nicht auf das alte Sofa setzen, sondern sofort mittanzen mag. Aber das geht nicht, weil die ja arbeiten, und zwar total konzentriert und diszipliniert.

Der Sound ist super, der Percussionist ein Wahnsinn, der Sänger großartig, die Musik eine Mischung aus Afrika, Karibik, Rock 'n' Roll und dem ganzen zeitgenössischen Zeugs, das in seinen Live-Varianten sonst an uns vorbeirauscht in Ternitz, wenn wir nicht nach Wien oder sonst wohin auf irgendwelche Konzerte oder Festivals fahren. Aber das hier, das ist die große weite Welt, he!

Fröhliches Hello

Hallo, ruft Bernd, drückt uns schnell ein Achtel Weiß in die Hand, rauscht sofort wieder ans Mikro. "Kurze Pause" , verkündet einer nach der nächsten Nummer, es darf Kuchen gejausnet und getratscht werden. Ein fröhliches Hello, Hi, Bem-vindo, Willkommen. Wer zum Donnerwetter seid ihr? Was macht ihr hier?

"Wir sind Positivo Moçambique" , Helio ist der Sänger. Eine Art Falco von Mosambik, sagt Bernd. Positivo bedeutet natürlich "positiv" , und dieser Begriff hat, seit es Aids gibt, eine neue Bedeutung dazugewonnen.
Vor ungefähr zwei Jahren haben sich die Musiker zusammengeschlossen. Die treibenden Kräfte waren Helio D, der Mosambikaner, und Roland Pickl, der Innsbrucker, der in Mosambik lebt. Bernd Püribauer, der Ternitzer, der die Formation Turbodeli gegründet hat und dem unter anderem die Wiener Stadtzeitung Falter die Zeichnung zum "Tier der Woche" verdankt, kam auch später dazu. Positivo Moçambique speist sich also aus mehreren Bands, ist eine fraktale Angelegenheit von multinationalen Künstlern, gemeinsam fahren sie in Schulen Mosambiks und versuchen über ihre Musik das Thema Aids in die Köpfe, ins Bewusstsein der Teenager zu bekommen.

Wir machen Musik! Wir brechen Tabus! Wir kämpfen gegen Diskriminierung! Die Texte werden mit den Jugendlichen in Workshops gemeinsam erarbeitet, mit diesem Rhythmus und der Musik lassen sich Barrieren einbrechen, die sonst unüberwindlich erscheinen. "In meinem Land" , sagt Helio, "hat 20 Prozent der Bevölkerung Aids. Es bleibt uns gar nichts anderes übrig, als irgendwas dagegen zu unternehmen." Und da die internationalen Gelder der Aids-Hilfsaktionen ganz offensichtlich keinen Erfolg zeitigen, weil sie irgendwie am falschen Ende anzusetzen scheinen, weil sie vielleicht auf der Strecke zu den Menschen sogar teilweise versickern, und weil die Aids-Raten nicht sinken, sondern immer weiter steigen, wollten sie die Sache anders angehen. Von sich aus. Anfangs ohne Sponsoring, aus eigenen Mitteln. "Es geht auch mit weniger Geld" , sagt Roland, "Man muss die Menschen nur an der richtigen Stelle abholen."

Sehr positiv

Jetzt ist aber nicht Zeit, sich genauer darüber zu unterhalten, weil jetzt muss wieder geprobt werden. Die Burschen touren derzeit als "Turbodeli" und "Positivo Moçambique" durch Österreich, geben Konzerte, traten unter anderem vergangenen Samstag in St. Pölten am Nuke-Festival auf. Sie sind auf der Suche nach Unterstützung und Sponsoren. Sie selbst woh-nen in Zelten im Garten von Sonja, Dagmars Schwester, wieder ein paar Häuser weiter. Jeder gibt, was er kann, was er will. Die Omas die Kuchen und das Gulasch, der Bernd den Proberaum, die Sonja den Garten, das Bad, die Waschmaschine, das Klo. Es ist eine gute Stimmung, muito positivo, sehr positiv.

Am nächsten Tag reden wir ausführlicher, es regnet, Helio erfriert fast und braucht einen Wollpullover. Irgendein Kirchenhäuptling seiner Heimat, erzählt er, habe erst unlängst wieder gemeint, Kondome zu tragen wäre sündig, ja durch Kondome würden die Europäer die Afrikaner überhaupt erst mit Aids infizieren. Die Leute wüssten zu wenig über die Krankheit, sie würden sich davor scheuen, Tests zu machen, weil das alle anderen in den kleinen Gemeinschaften sofort mitkriegen und sich das Maul darüber zerreißen würden. "Manche sagen, es geht ihnen gut, sie wollen's gar nicht wissen, ob sie positiv sind oder nicht."

Deshalb arbeitet Positivo auch mit Ärzten zusammen, Tests können so auf anonyme Art und Weise gemacht werden, die Jungs aus Afrika, aus Europa haben gemeinsam ein Netzwerk etabliert, das immer stabiler, fester, weiter gespannt wird.

"Und Ternitz? Wie fühlt man sich als Afrikaner hier in Österreich? Ja, gut, alles bestens. Sie waren auch im "Blub" , im Schwimmbad. Dort ist dieser lässige Stru-del, von dem man sich im Kreis im Wasser treiben lassen kann. Wobei: Die Strände daheim, die sind schon noch ein bisschen, na ja, schöner. Anders halt. Alles positivo. Wir und die. Irgendwer fängt an mit der Völkerverständigung, mit Aidsprojekten, mit der Verbesserung des Zusammenlebens. Es geht. Man muss es nur machen, verdammt noch einmal. Es gibt noch viel zu tun. Auch in Ternitz. (Ute Woltron, DER STANDARD/Printausgabe, 25./26.07.2008)

Termine: 27. 7., 18 Uhr, Donauinsel Wien

Link
www.mozpositivo.com

Otsch1
 
05

Hätten die nicht ein Betätigungsfeld in Afrika?

Graf Foto
00
12.8.2008, 01:11

Ich glaube, außer in Mosambik gibt's auch im restlichen Afrika noch genug zu tun. Aber das liegt ja bekanntlich im Südosten Afrikas - insofern verstehe ich die Frage nicht so ganz.

Video von einem der Workshops gibt's unter
http://www.mozpositivo.com/en/2007/1... 9/google-2

lgW

NegR h.c.
03
27.7.2008, 08:53

Burschen, nicht Jungs, bitteschön.

a grünes stricherl
 
01
27.7.2008, 15:38
lustigerweise schreibens direkt unter header dann eh burschen

komisch dieses anbiedern ans bundesdeutsche oben.

Peter Hammer 06
22
31.7.2008, 05:58
Vielleicht hat die Verfasserin....

...einige Monate im "schnuckeligen Berlin" verbracht?

Peter Hammer 06
22
31.7.2008, 08:08
Guten Morgen, Leibrotstrichler! Nur zur Information,...

...sollte es beim ESSEN einmal um Schnitzelzubereitung gehen, habe ich vor, mich sehr stark für eine Panier aus EIERN,MEHL und BRÖSEL auszusprechen.
Da Sie offenbar allergisch auf meinen Namen reagieren erwarte ich mir danach natürlich Ihr ROTSTRICHERL. ;-)

oxizes
01
30.7.2008, 12:02
Komisch

ist es nicht, eher lästig.

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