Lied vom Berufsethos

20. Februar 2003, 11:30
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Elisabeth Noelle-Neumann, die Grande Dame der deutschen Meinungsforschung, im STANDARD-Gespräch

Im vergangenen Jahr, kurz vor der deutschen Bundestagswahl, lag Elisabeth Noelle-Neumann, die Mutter der deutschen Meinungsforschung, mit einer Prognose gründlich daneben. Sie glaubte an einen sicheren Sieg der CDU, als andere Meinungsforscher schon längst einen Schwenk in Richtung SPD, der jetzigen Kanzlerpartei, erkannten. "Das war ein Fehler", bekannte die mittlerweile 87-jährige Gründerin des Instituts für Demoskopie Allensbach am Mittwoch, als sie auf Einladung der Siemens Academy of Life in Wien weilte.

Kritik an persönlichen Interviews

Die auch im vergangenen Jahr wieder einmal laut gewordene Kritik an ihren Methoden - persönliche Interviews statt der sonst üblichen Telefoninterviews würden die Befragten beeinflussen - wies sie aber im STANDARD-Gespräch vehement zurück: Da keiner ihrer 2000 Mitarbeiter mehr als fünf Befragungen durchführe, "kann keiner von ihnen voreingenommen sein und eine bestimmte Antwort erwarten". Telefoninterviews seien dagegen, so Noelle-Neumann, "zu umständlich. Man muss Dinge vorlesen und kann sie nicht zeigen."

"Ideologie hat in der empirischen Sozialforschung nichts verloren"

55 Jahre Meinungsforschung haben die Grande Dame nicht müde gemacht, das Lied vom Berufsethos zu singen. "Ideologie hat in der empirischen Sozialforschung nichts verloren." Ihre Beratertätigkeit für Altkanzler Helmut Kohl, die ihr in deutschen Zeitungen schon einmal den Kosenamen "Kanzler-Glucke" einbrachte, ist für sie da kein Widerspruch. "Das hat doch noch keinen Einfluss auf die Ergebnisse einer Umfrage." Niemals sei sie einer Partei beigetreten, auch nicht den deutschen Christdemokraten, sagte Noelle-Neumann. (pi/DER STANDARD; Printausgabe, 20.2.2003)

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