Wanderschaft der Klangfiguren

19. Februar 2003, 19:30
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Radio Symphonie Orchester Wien unter Christian Arming in Graz

Graz - Klänge, die sich gleich einem Strudel aus Klangmassen zunehmend schneller um sich selbst drehen und alles mit sich fortzureißen drohen, darin eine zarte Violine, die sich mit kapriziösen Tonkaskaden zu befreien sucht, keinen Halt findet und versinkt. Georg Friedrich Haas' in der Helmut-List-Halle vom RSO-Wien unter Christian Arming mit Ernst Kovacic als Solisten aufgeführtes Violinkonzert gleicht in seiner dramatischen, ja politischen Haltung einem Kampf zwischen Individuum und Kollektiv.

Kovacic' offensives und selbstbewusstes Spiel sowie sein mit expressivem Vibrato gesättigter Ton schaffen eine human klingende Gegenwelt zu den mächtig und breit wirkenden Orchester-Ostinati. Das dieses Konzert wie ein Leitfaden durchziehende Thema inhärenter musikalischer Dramaturgie fand sich auch bei Wolfgang Rihms Schattenstück, in dem dieser die Aktion der Malerei Per Kirkebys in die Partitur überträgt.

Bei aller Distanz zur reinen Klangfarbenmalerei schuf das RSO-Wien eine dichte, aber durchsichtige Wolke aus dunklen Farben, deren ständiges Strömen den Eindruck einer ruhelosen Wanderung von lebenden Klangfiguren suggeriert. Den Kontrapunkt zu diesen bei aller Drastik sehr fein austarierten Kompositionen bildeten Leo Janáceks Taras Bulba und eine aus der Oper Aus einem Totenhaus zusammengestellte Suite.

Armings präzises und klares Dirigat schuf eine von Pathos befreite Musik mit dynamischen Schattierungen. Beim Applaus stellte Arming jede einzelne Gruppe extra vor, so als wollte er demonstrieren, was man mit der Ausgliederung und damit substanziellen Gefährdung dieses traditionsreichen Klangkörpers verlieren würde. (spou / DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2003)

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