Variationen über die Klugheit

19. Februar 2003, 19:45
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Ein Soloabend von Pierre-Laurent Aimard im Wiener Konzerthaus

Wien - Die Pierre-Laurent-Aimard-Basisinfo für Pierre-Laurent-Aimard-Unkundige, falls es sie noch gibt: 1957 in Lyon geboren, Klavier studiert am Conservatoire National Supérieur de Musique in Paris natürlich, von 1976 bis 1995 Pianist des renommierten französischen Ensemble InterContemporain. Im Laufe dieser Zeit Kristallisation zum pianistischen Fixstern der Neue-Musik-Galaxis.

In den letzten Jahren verstärkte Hinwendung zum klassischen Repertoire. Konzerte weltweit, Carnegie Hall, London, Paris, die ganze Palette. Letztes großes Projekt: Alle Beethoven-Klavierkonzerte mit Nikolaus Harnoncourt und dem Chamber Orchestra of Europe auf Tonträger gebannt. Wie wirkt er im Wiener Konzerthaus?

Etwas unfrei

Etwas fahrig, etwas bleich, etwas unfrei und unüberzeugt. Sein Variationen-Recital im Konzerthaus (Beethoven: Vieni amore, Webern: op. 27, Knussen: op. 24, Schumann: ABEGG, Brahms: Händel) beginnt er mit verkniffenem Dauerlächeln (optisch) sowie viel Esprit, Tänzelei und Schalkhaftigkeit (optisch wie auch akustisch). Aber auch etwas zu uniform in der dynamischen und klanglichen Gestaltung.

Soll heißen: Fast jede Variation setzt Pierre-Laurent Aimard in den gleichen dynamischen Rahmen, klingenderweise lässt Variabilität, Raffinement, Unverwechselbarkeit auf sich warten. Der Webern: Es gibt Pianisten, da hört man das Stück und versteht es augenblicklich; Aimard bringt die Variationen enttäuschend blass, unneurotisch und kuschelig.

Der Knussen (Schotte, 1952 geboren, Vorname Oliver, zu "frankophiler Fluidität" neigend): ein lauwarmes, unüberzeugtes Irgendwas. Die ersten wirklich schönen, wirklich besonderen Momente gelingen Aimard im Schumann: brillante, perlende und federleichte Läufe - und dies technisch stupend. Oh.

Dem fantastischen, fulminanten und überreichen Brahms-Brocken, also den Händel-Variationen, bleiben die großen Momente versagt, am Ende peitscht Aimard den "109er", den weicheren, wärmeren der beiden Konzerthaus-Steinways, übers klangliche Limit.

Das ist alles sehr klug, engagiert, musikalisch und schön, was Pierre-Laurent Aimard da macht, zum großen Konzertpianisten fehlten - an diesem Abend jedenfalls - aber unverzichtbare klangliche und interpretatorische Unverwechselbarkeit wie zuweilen auch die allerletzte Präzision. Man wurde nicht recht glücklich bei alledem. Fulminanter Applaus übrigens.
(DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2003)

Von Stefan Ender
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