Richard Gere im Interview: "Du meine Güte, das bin ja ich!"

23. Juli 2004, 14:34
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Selbsterkenntnis eines Stars: Richard Gere, mit dem Musical "Chicago" nun auch in Österreichs Kinos, im Interview mit dem STANDARD

Eine erfreulich dynamische Performance liefert der US-Schauspieler Richard Gere im Filmmusical "Chicago" ab. Mit Claus Philipp sprach er über seinen "Job", bei dem das Verlangen nach Ruhm mitunter gefährliche Energien freisetzt.


STANDARD: Mr. Gere, bei kritischen Betrachtungen Ihrer Karriere wurden die schauspielerischen Qualitäten oft zugunsten Ihres Starappeals unterschlagen. Was ging durch Ihren Kopf, als Sie zuletzt bei der Verleihung der Golden Globes als "bester Darsteller" auf die Bühne gerufen wurden?

Richard Gere: Absolut nichts. In meinem Kopf herrschte eine geradezu verblüffende Leere. "Du meine Güte, muss ich jetzt was tun?" Dann küsst man seine Frau, umarmt seine Freunde und geht rauf auf die Bühne. Glücklicherweise hatte mir meine Frau eine Liste mit den Leuten zusammengestellt, bei denen ich mich bedanken sollte.

STANDARD: Was halten Sie vom Slogan in Chicago - "If you can't be famous, be infamous"?

Gere: Na, lesen Sie doch nur die Society-Magazine. Selbst in so genannten Entwicklungsländern ist es nicht anders: Ein Bild und eine Schlagzeile erhöhen den Rang und den Marktwert. Das hat mit Glück und Zufriedenheit nichts zu tun, und davon handelt dieser Film ...

STANDARD: ... in dem Sie als windiger Anwalt zwei Mörderinnen zum Medienhype hochstilisieren: Zwei Damen, die quasi aus der Zelle heraus ihre Defekte und Besonderheiten in immer neuen Steigerungen vermarkten. Ist das ein gutes Bild für so genannte Stars?

Gere: Heute geht's doch nicht mehr um die berühmten "15 Minuten", die Andy Warhol eingefordert hat. 15 Sekunden im Rampenlicht scheinen für die meisten Leute zu genügen bzw. mehr kriegen sie oft auch gar nicht. Ich kann dazu nur sagen: Letztlich ist das alles nur ein Job. Sie tun Ihren Job, ich tu' meinen, und das ist genauso eine Realität wie die, dass ich nachher wieder nach Hause fliege, um mich um meinen Sohn zu kümmern.

STANDARD: War es am Anfang Ihrer Laufbahn schwierig, das im Auge zu behalten?

Gere: Zuerst wollte ich vor allem Arbeit, und ich wollte mich kreativ betätigen können. Das mit dem "Ruhm" ist natürlich irgendwann ein Problem, weil man mit dem Impuls "Mehr!" umzugehen lernen muss: Da äußert sich eine Energie, die man umwandeln muss, sonst wird sie destruktiv. Das ist nicht einfach.

STANDARD: War Ihnen da die Arbeit mit dem öffentlichkeitsscheuen Regisseur Terrence Malick hilfreich, in dessen Film Days of Heaven Sie Ihren ersten Kinoauftritt hatten?

Gere: Vielleicht. Ich war damals aber gar nicht so versessen darauf, vor eine Kamera zu treten. Theater hat mich viel mehr interessiert - eigentlich sagte ich damals nur zu meinem Agenten, nachdem ich Malicks Badlands gesehen hatte: "Mit dem Mann zu arbeiten würde mich reizen." Wenige Wochen später kam der Anruf aus Terrys Büro ...

Ja, und das war dann in der Tat eine sehr eigentümliche Erfahrung, auf die viele weitere folgen sollten. Egal ob ich mich nun an Paul Schrader (American Gigolo), Francis Ford Coppola (Cotton Club) oder Gerry Marshall (Pretty Woman) rückerinnere: Da stehen nicht Szenen und "große Momente" im Vordergrund, sondern der menschliche Faktor. Wie war das, mit anderen Leuten zu arbeiten: so wie Kinder, die im Sandkasten eine Burg bauen? Dieses kindliche Element ist für mich immer erstrebenswert.

STANDARD: Wie war zum Beispiel das "Spiel" mit Akira Kurosawa, der mit Ihnen seinen vorletzten Film Rhapsodie im August gedreht hat?

Gere: Wenn ich an ihn denke, habe ich ein eigentümliches Bild vor mir: er riesengroß, ich zwergenhaft klein. Er war in der Tat ziemlich groß, aber so groß war er auch wieder nicht! Ja, wir sind sogar gleich groß. Egal. Vermutlich habe ich ihn für mich auf ein hohes Podest gestellt und war außer mir, als er bei mir anrufen ließ: Er wolle unbedingt, dass ich in seinem neuen Film mitspiele.

Als ich dann aber das Skript las, war ich etwas desillusioniert: 20, 30, 40 Seiten, und immer noch war keine Figur in Sicht, für die ich auch nur annähernd als Darsteller infrage kam! Und dann war da diese Nebenrolle ... Gut, ich rief also den Produzenten an, und der sagte: "Um der Wahrheit das Recht zu geben - Kurosawa benötigt zur Finanzierung einen Star. Sie sollten möglichst die ganzen zwei Monate Drehzeit in Japan bleiben." (lacht) Wir haben uns dann auf eine Woche Aufenthalt geeinigt.

STANDARD: Wenn Sie sich selbst in einem Film sehen: Hat das noch viel mit Ihnen zu tun?

Gere: Kaum. Manchmal, wenn ich so um zwei Uhr in der Früh durch die TV-Programme zappe und bei einer Szene in einem alten Film innehalte, passiert es mir, dass ich erst Minuten später realisiere: "Du meine Güte, das bin ja ich!"

Wenn man einen Film macht, betritt man irgendwie ein anderes Universum, dessen Pforte etwa so groß ist wie die Linse der Kamera. Dort verlebt man dann eine sehr intensive Zeit, so intensiv wie ein Traum. Und dann tritt man wieder nach außen, lebt sein Leben, und "drinnen" bleiben gewissermaßen Schatten, die man dort geworfen, Abdrücke, die man hinterlassen hat. Die sind dann fremd und manchmal peinlich oder absurd, wie Erinnerungen an Träume.

STANDARD: In einer "traumartigen" Sequenz in Chicago mussten Sie steppen. Es heißt, Sie hätten das erst für diesen Film gelernt.

Gere: Ja, und das war ein heikler Punkt. Ich wusste: Mit dem Singen und mit gewissen tänzerischen Bewegungen für die Kamera würde ich keine Probleme haben. Aber der Stepptanz - da war ich sehr unsicher. Er soll ja quasi den Druck verdeutlichen, den dieser Anwalt im Spiel mit dem Gericht und den Medien aufbaut: sprechen, spielen, sprechen, kick, sprechen, snap! Ein permanentes Hin und Her zwischen expressivem Ausbruch und Zurücknahme.

Das ist jetzt aber nicht reine Mechanik, die man mit täglichem Training über Monate hinweg erlernen kann. Es ist mehr: Talent. Und ich bin zweifelsohne nicht Fred Astaire. Ich sagte also zu Regisseur Rob Marshall: Wenn es nicht funktioniert, müssen wir uns anders herumschwindeln. Wir mussten nicht.

STANDARD: Sie betonen in Interviews oft, dass Ihnen Musik sehr wichtig sei.

Gere: Ja, ich habe zu Hause ein kleines Studio. Und da jamme ich heute noch so vor mich hin. Blues. Rock. So in der Art von Van Morrison. Das brauche ich. Neben meinem Bett steht auch eine Gitarre, damit ich schon in der Früh vor mich hin klimpern kann.

STANDARD: Zu Ihrem buddhistischen Glauben sind Sie schon viel befragt worden. War er auch eine Gegenreaktion auf den Trubel in Hollywood?

Gere: Nicht unbedingt. Ich bin als Kind in einem protestantischen Haushalt aufgewachsen, und schon damals haben meine Eltern es gefördert, wenn ich überdurchschnittlich inständig "Warum?" fragte. Später habe ich dann ja auch begonnen, Philosophie zu studieren. Und da fand ich die Antworten darauf - warum all die Wut, der Schmerz und diese falschen Illusionen - vor allem im Buddhismus. Schon als ich 28, 29 Jahre war.

STANDARD: Wut war eine wesentliche Erfahrung für Sie?

Gere: Das ist sie doch wohl für jeden von uns. Und wie alle negativen Gefühle kommt sie daher, dass wir meinen, dass Bestandteile unseres Ich ignoriert werden und dass wir dieses Ich umso inständiger verteidigen. Würde man stärker das Wir und eine höhere Verbundenheit der Menschen zueinander betonen, dann gäbe es weniger Konflikte.

STANDARD: Ist das nicht ein bisschen einfach: als Star pazifistische Statements abzugeben?

Gere: Da mögen Sie Recht haben, erst recht, weil unser Präsident den Eindruck erweckt, als würde ihn gar nichts von dem, was auch nur irgendwer gegen den Krieg sagt, interessieren. Dabei sagen doch nicht nur die Entertainer Nein, Millionen von Menschen tun das. Mich erinnert Bush an Kapitän Ahab in seiner Jagd auf den weißen Wal Moby Dick. Irgendetwas treibt ihn, das einerseits zutiefst persönlich ist. Andererseits ist es größer als er. Aber erklären Sie das einmal George W. Bush!
(DER STANDARD, Printausgabe, 21.2.2003)

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    Richard Gere (53) vor seinem plakatierten Alter Ego: "Wie war das, mit anderen Leuten zu arbeiten: wie Kinder, die eine Sandburg bauen?"

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