Kommentar: Teutonischer Trümmerhaufen

19. Februar 2003, 19:01
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Das veraltete Bankensystem Deutschlands widersetzt sich allen Reformplänen - Von Michael Moravec

Für die Gemeinde Wien ist die HypoVereinsbank (HVB) nicht gerade ein ungetrübter Quell der Freude. Durch die Übernahme der teilweise gemeindeeigenen Bank Austria durch das bayerische Institut kam Österreichs Bundeshauptstadt in den Besitz von 5,3 Prozent der HVB. Wert Anfang 2001: stolze 1,7 Milliarden Euro. Heute ist das Aktienpaket nur noch 300 Millionen wert. Verlust: flotte 82 Prozent.

Neben der Gemeinde haben auch rund 50.000 österreichische Kleinaktionäre gemerkt, dass der Vorteil von Fusionen und Übernahmen oft schwer zu durchschauen ist.

Doch die HypoVereinsbank steht in Deutschland nicht allein da: Auch die Deutsche Bank, die Commerzbank, die Dresdner Bank, die Allianz-Gruppe und viele andere klingende Namen aus der Finanzwelt kämpfen mit riesigen Ertragsproblemen.

Angerostete Tanker

Die ehemaligen Flaggschiffe des deutschen Wirtschaftswunders sind zu unbeweglichen, angerosteten Tankern geworden, die hilflos und mit einem gehörigen Maß an Restpräpotenz dahintreiben und die kein Mittel gegen die Krise finden.

Grund für den teutonischen Trümmerhaufen sind veraltete Strukturen, an denen - noch - keiner wirklich zu rütteln wagt. Deutschland hat die größte Bankstellendichte in Europa. Auf 1940 Einwohner kommt eine Bankstelle. Dichter geht es nur noch in Österreich zu, wo auf 1497 Einwohner eine Bankstelle kommt. Um aber profitabel arbeiten zu können, sind etwa 3800 Bürger pro Bankstelle nötig, errechnete die Beratungsgesellschaft Ernst & Young. Während britische Banken 52 Cent ausgeben, um einen Euro zu verdienen, sind es in Deutschland 84 Cent - der europäische Höchstwert.

"Dreisäulensystem"

Eine nachhaltige Reduktion der Bankstellen gelingt aber nicht, weil die Geldinstitute im "Dreisäulensystem" rechtlich gefangen sind: Aktienbanken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Fusionen über die Sektorgrenzen hinweg sind verboten. In der Praxis geben sich gemeindeeigene Sparkassen aus politischen Gründen auch mit minimalen Renditen zufrieden - ein Preiskampf, von dem die Kunden profitieren, der aber in schlechten Zeiten an den Reserven der Institute nagt.

Ohne Fusionen über die Sektorgrenzen würden die deutschen Banken aber niemals wirtschaftlich akzeptable Marktanteile erreichen, geht aus Studien hervor: Während in Spanien, Großbritannien oder Frankreich die größten fünf Institute Marktanteile von teilweise über 50 Prozent erreichten, liegt dieser Wert in Deutschland bei 16 Prozent.

Börsenwert leidet

Die magere Eigenkapitalrendite senkt dann auch den Börsenwert: Die Deutsche Bank liegt in der Bilanzsumme weltweit auf Rang vier, der Börsenwert notiert unter "ferner liefen". Mit einem Börsenwert von rund sechs Milliarden Euro wird die HypoVereinsbank nur noch mit 20 Prozent ihres Substanzwertes gehandelt. Dass es dennoch nicht zu Übernahmen kommt, begründen Experten mit den mageren Renditen: Britische, französische, amerikanische oder spanische Institute müssten ihren Anlegern eine akzeptable Verzinsung ihres Investments bieten - der Kauf einer deutschen Bank rechnet sich derzeit einfach nicht.

Schließungen

So wird nach Ernst & Young die Konsolidierung eher über Schließungen gehen: Die Zahl der Geldinstitute soll bis 2005 um 43 Prozent zurückgehen. Allein in Frankfurt sollen bis dahin 30.000 der insgesamt 60.000 Arbeitsplätze im Finanzdistrikt gestrichen sein.

Auch die allgemeine Wirtschaft hofft auf erfolgreiche Bemühungen. Immerhin schlagen sich die Probleme der Banken bereits auf viele Kreditnehmer nieder.

So meinte der Chef des Bankenverbandes, der ehemalige Deutsche-Bank-Boss Rolf E. Breuer, anlässlich der jüngsten von der Europäischen Zentralbank vorgenommenen Zinssenkung zur Konjunkturbelebung, die deutschen Institute würden diese wohl mit Blick auf ihre schlechte wirtschaftliche Lage nicht weitergeben. Spätestens damit wurde das Problem der Deutschen mit ihren Banken zu einem der gesamten EU. (DER STANDARD, Printausgabe 20.2.2003)

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