Mounir El Motassadeq

19. Februar 2003, 18:40
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"Ein Rädchen, ohne das es nicht funktioniert hätte"

"Ein schmales Gesicht, Vollbart, zurückgekämmtes dunkles Haar: Ist dies das Gesicht des Terrorismus?", fragte das Handelsblatt bei der Eröffnung des Prozesses gegen Mounir El Motassadeq vor vier Monaten. Das Hamburger Oberlandesgericht hat den 28-jährigen Marokkaner am Mittwoch beim Prozessende zumindest als Helfer bei den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA eingestuft.

Der zarte, kleinwüchsige Mann ist nach Ansicht des Gerichts bei der Planung der Attentate dabei gewesen. Motassadeq erledigte Geldgeschäfte für den späteren Piloten Marwan Alshehhi, griff auf Konten zu, über die nach Ansicht des Bundeskriminalamtes die Vorbereitung der Terrorakte mitfinanziert wurde. Er beglich für Alshehhi die Miete und die Gasrechnung, zahlte den Semesterbeitrag für die Universität, kündigte - ausgestattet mit einer Generalvollmacht Alshehhis - dessen Handyvertrag und Wohnung.

Den von den Ermittlern als "Kopf" der 1999 gegründeten Hamburger Terrorzelle bezeichneten Mohammed Atta lernte Motassadeq 1996 in einer Moschee kennen. Atta brachte ihn in der später berühmt gewordenen Wohngemeinschaft in der Hamburger Marienstraße unter.

Motassadeq ist in Marrakesch geboren, er hat fünf Geschwister. Sein Vater ist medizinisch-technischer Assistent, die Mutter Hausfrau. Nach der Ankunft in Deutschland 1993 hat er in Münster Deutschkurse besucht. Nach der Übersiedlung nach Hamburg schrieb er sich 1995 an der Universität für das Studium der Elektrotechnik ein. Bei seiner Verhaftung fehlten ihm nur noch ein Praktikum und die Abschlussarbeit für das Diplom.

Als er in Hamburg seine spätere Frau kennen lernte, zog Motassadeq aus der Wohngemeinschaft in der Marienstraße aus und mietete ganz in der Nähe eine Unterkunft. Seine aus St. Petersburg stammende Frau, die zum Islam konvertiert ist und mit der er zwei Kinder hat, zwingt er nach der Heirat laut Zeugenaussagen, bis auf einen Augenschlitz verhüllt auf die Straße zu gehen und daheim nicht mehr fernzusehen.

Motassadeq selbst verzichtet darauf, kurze Hosen zu tragen und Fußball zu spielen. Er bezeichnet sich selbst als Muslim, der mehr und mehr zum Glauben gefunden habe. So begründet er seine militärische Ausbildung in Afghanistan im Jahr 2000 damit, dass "im Islam erwünscht ist, dass man das Schießen lernt". Den Aufenthalt in einem Al-Kaida-Camp gab er erst zu, als ihm dies deutsche Ermittler eindeutig nachwiesen.

Konkrete Beweise für seine Beteiligung an der Anschlagsplanung hatten die Ankläger jedoch nicht, nur Indizien. Für den deutschen Generalbundesanwalt Kay Nehm ist Motassadeq dennoch "das Rädchen, ohne das die Sache nicht funktioniert hätte". (Alexandra Föderl-Schmid/DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2003)

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