Politologe Smolar im STANDARD-Interview: "Chirac glaubt wirklich, er ist Ludwig XIV."

20. Februar 2003, 12:34
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Der Polit-Berater über die Folgen der jüngsten Chirac-Kritik

Warschau/Wien - Die scharfe Kritik von Frankreichs Präsident Jacques Chirac an der Solidaritätserklärung der EU-Kandidaten mit den USA ("nicht gut erzogen", "infantil") hat in den betreffenden Ländern Befremden ausgelöst. Aleksander Smolar, einer der bekanntesten Politologen Polens und Berater mehrerer polnischer Regierungschefs, erörtert gegenüber dem Standard die Motive der Erklärung und mögliche Folgen des Chirac-Ausrittes.

STANDARD: Was waren die Beweggründe Polens und der anderen, den Brief zu unterzeichnen?

Smolar: Die USA bedeuten für diese Region einen gewissen Mythos. Er liegt in der Erklärung von Präsident Woodrow Wilson (Selbstbestimmungsrecht der Völker, 1918, Red.) begründet, der zur Unabhängigkeit dieser Länder beitrug; dann in der Rolle der USA im Zweiten Weltkrieg, danach im Widerstand gegen den Kommunismus und schließlich bei der Nato-Erweiterung. Es ist die Überzeugung, dass der Widerstand anderer Länder gegen Totalitarismus nicht immer stark genug war, dass es in der Stunde der Wahrheit auf die USA ankommt.

STANDARD: Hat man die Wirkung der Solidaritätserklärung falsch eingeschätzt?

Smolar: Vielleicht hat man, zumindest auf polnischer Seite, zum Zeitpunkt der Unterzeichnung unterschätzt, wie entzweiend das Thema ist. Wobei der Text der Erklärung selbst auch nach Ansicht französischer Vertreter nicht sonderlich kontroversiell ist. Es war eigentlich mehr ein Problem mit Deutschland als mit Frankreich.

STANDARD: Spielen dabei auch Ängste mit, dass Polen ein weiteres Mal geopolitisch zwischen Deutschland und Russland zu liegen kommt?

Smolar: Das glaube ich nicht. Schließlich sind die Beziehungen zwischen Russland und den USA seit dem 11. September 2001 sehr gut. Dies hat in Polen zunächst gewisse Befürchtungen wegen der ukrainischen Frage genährt. Die unabhängige Ukraine ist für Polen von allergrößter strategischer Bedeutung. Man fürchtete, das neue strategische Verhältnis zwischen Washington und Moskau und die scharfe US-Kritik an der Ukraine (wegen angeblicher Rüstungslieferungen an den Irak, Red.) könnten sich destabilisierend für dieses Land und indirekt auch für Polen auswirken.

STANDARD: Was bedeutet Chiracs Auftritt für die europäische Integration?

Smolar: Chiracs Worte spiegeln eine in Westeuropa verbreitete Arroganz wider, die sich schon in den Beitrittsverhandlungen zeigte. Kein amerikanischer Politiker würde es wagen, so zu den Völkern dieser Region zu sprechen. Chirac glaubt wirklich, er ist Ludwig XIV. Das ist die Quelle eines möglichen Desasters für Europa. Das erklärt auch die Unterschrift (unter der Solidaritätserklärung, Red.) von Ländern wie Spanien und Italien - eben wegen dieser Arroganz zweier Staaten, die für ganz Europa entscheiden wollen. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2003)

Von Josef Kirchengast
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