WAZ ruft Dichand zu "Inquisition"

20. Februar 2003, 11:37
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Kommende Woche muss Hans Dichand "Krone"-Miteigentümer WAZ über Gewinnrückgang und "U-Express" Rede und Antwort stehen. Und darüber, wer seine Fanpost schreibt.

Der "Krone"-Hausdichter, kein Freund des Floretts, übt sich in Andeutungen: "Und lieber noch konzerngepeinigt als von den Taliban gesteinigt", reimt Wolf Martin im Mittwoch-Kleinformat.

Hälfteeigentümer und "Hauptgeschäftsführer" Hans Dichand schreibt laut "News" wörtlich von "Inquisition". Der Anlass: Die WAZ hat für Donnerstag kommender Woche eine gesellschafterversammlung einberufen. Mit originellen Details, wie dem STANDARD vorliegende Teile der Tagesordnung zeigen. Dichand soll dort Auskunft geben über das rückläufige "Krone"-Ergebnis - unbestätigten Insiderinformationen zufolge droht es sich der Höhe des Dichand vertraglich zugesicherten Vorausgewinns anzunähern, also rund zehn Millionen Euro pro Jahr. Weitere Wuschthemen der WAZ sind das Gratisblatt "U-Express", den Essenern schon immer ein Dorn im Auge, und sonstige Belastungen für das Ergebnis. Zudem, wie Dichands Sohn, "Krone"-Chefredakteur Christoph, als "Angestellter" Position gegen Gesellschafterin WAZ beziehen kann.

Mysteriöse Einträge auf der Leserbriefseite

Im Kleinkrieg der "Krone"-Gesellschafter geht es aber auch um dezentere Nadelstiche. In Essen werden auch sie registriert. Wie Martins "Konzernpeinigung". Und wie mysteriöse Einträge auf der Leserbriefseite. Am 23. Jänner schrieb eine "Tina Suskopf, per E-Mail" unter einer Reihe von Dichand-Fans und WAZ-Gegnern unter der Rubrik "Das freie Wort" in der "Krone": "Ich hoffe sehr, dass die "Krone" in österreichischer Hand bleibt." Und: "Wenn diese Anteile an Österreicher verkauft würden, hätten wir (WAZ-Chef Erich, Anm.) Schumann draußen und müssten nicht um weiteren deutschen Konzerneinfluss in unserem Land nachdenken!" Suskopfs Appell an Hälfteeigentümer Hans Dichand: "Bleiben Sie stark, und setzen Sie Ihre Interessen durch. Damit die "Kronen Zeitung" weiter eine Stimme Österreichs bleibt!"

"Tatsächlich redaktionsfremde Person"?

WAZ-Anwalt Daniel Charim konnte eine Tina Suskopf im amtlichen Telefonbuch nicht entdecken, obwohl sie über einen E-Mail-Anschluss verfügen müsste. Dichand senior habe zu dieser Mystifikation nicht Stellung genommen. Also soll der 82-jährige Hälfteeigentümer und "Hauptgeschäftsführer" der "Krone" bei der Gesellschaftersitzung berichten, ob es sich im Fall von Frau Suskopf "tatsächlich um ein von einer redaktionsfremden Person eingegangenes E-Mail handelt", so die Tagesordnung. Dichand möge doch bitte einen Ausdruck vorlegen oder eine Stellungnahme jener Sekretärin, die den Leserbrief eingab.

Pattsituation

Der Streit unter den "Krone"-Gesellschaftern über Dichands Sohn Christoph als neuem Chefredakteur könnte also ganz nebenbei etwas Licht in die Gestaltung der Leserbriefseite bringen. Schon oft konnten Autoren der Beiträge nicht identifiziert werden. Das ließ Beobachter auf selbst gestrickte Leserbriefe schließen, mit denen zum Beispiel der Eindruck breiter Unterstützung von "Krone"-Positionen oder -Kampagnen erweckt werde.

Dass sich Dichand mit der Melange aus Leserbrief und Gewinnrückgang zum Rücktritt als Hauptgeschäftsführer bewegen lässt, gilt als unwahrscheinlich. In diesem Fall gäbe es nur noch je einen gleichberechtigten Geschäftsführer der WAZ und Dichands bei der "Krone"- und eine noch ausgeprägtere Pattsituation. (Harald Fidler/DER STANDARD; Printausgabe, 20.2.2003)

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    Das Verlagshaus der "Krone" im 19. Bezirk.

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