Nach dem Abendessen kam die Spurensicherung

20. Februar 2003, 21:28
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"Der Zufall als Meister": Das KunstHausWien zeigt eine Retrospektive des Werkes von Daniel Spoerri

"Der Zufall als Meister" bezeichnet Spoerris Methode, Vorgefundenes aus anderem Blickwinkel zu betrachten. Ist doch das Offensichtliche meist durch den konventionellen Blick verstellt.


Wien - Den Menschen Fallen zu stellen ist letztlich den Aufwand nicht wert: Sie werden ganz von allein hinfällig. Ihre ganze Geschäftigkeit läuft ohnehin auf den Tod hinaus. Übrig bleiben dann immer nur die Dinge. Zum Beispiel von Heinrich Böll ein Bleistift. Und der dient dann, spätestens wenn auch die Erinnerungen an die Person Böll mit den letzten abgebrauchten Zeitgenossen dahinscheiden, als Zündmechanismus, Spekulationen darüber anzustellen, wer und wie der Heinrich Böll so war.

Daniel Spoerri hat Bölls Bleistift, aber auch die Mitra von Kardinal Frings und das Handwerkszeug anonymer Erotikarbeiterinnen ins Museum gestellt: Le musée sentimental de Cologne. Womit die "Nachlässe" zumindest vorübergehend dem üblichen Lauf der Dinge entzogen wurden. Und er hat, wofür man ihn nicht nur kennt, sondern hartnäckig mit dem Vorurteil begegnet, ein lustiger Künstler zu sein, abgefeierte Festtafeln oder auch nur Wirtshaustische jenem Putztrieb entzogen, der gewöhnlich die Welt in der guten Ordnung hält.

Er hat nicht die kunstfertige Startaufstellung eines Abendessens festgehalten, sondern den Zieleinlauf - das, was vom Abend übrig blieb, nachdem die Gäste wieder vereinzelt ihrem unausweichlich verhängnisvollen Getriebensein nachgaben, oder auch nur durch einen Pfiff am Weiteressen gehindert und also der Möglichkeit eines gemein überfallsartigen Todes gewahr wurden.

Was normalerweise schon im nächsten Moment der Nichtigkeit anheimfallen würde, der beflissenen Entsorgung und hygienischen Wiederaufbereitung, hat Spoerri gerettet. Er hat das befleckte Leinen, die verklebten Teller und die verschmierten Gläser festgehalten, als ginge es darum, einen Mord zu klären.

Um 90 Grad gedreht und an die Wand geheftet, gingen die Nachlässe der Tischgesellschaften als Fallenbilder in die Kunstgeschichte ein.

Und mit ihnen Daniel Spoerri, der schon allein deswegen ein hoch zu schätzender Künstler ist, weil er erst gar nicht versucht hat, etwas zu erfinden. Sondern "bloß" andere Perspektiven anbot, das Offensichtliche zu entdecken. In diesen Fallen verfingen sich auch Wörter: Spoerri hat - gemeinsam mit Robert Filiou - Redensarten beim Wort genommen, visualisiert, was man so daherredet, wenn einem sonst kein Trost einfällt, wenn man den simplen Tatsachen eine poetische Note abgewinnen will. Man sagt dann etwa "Geld auf die hohe Kante legen" oder träumt davon "immer flüssig zu sein".

Bei Spoerri wird daraus ein Objekt mit hoher Kante (breit genug Münzen darauf zu stapeln), einem Reservoir, um Geld zu tanken, und einem Hahn, es bei Bedarf abfüllen zu können. Der Besucher lacht dann angesichts der skurrilen Apparatur - seine Art, mit der Tatsache umzugehen, ertappt worden zu sein. Weniger lacht er bei Spoerris Kombination von Fotos Gehängter mit einer Auswahl an Musterknoten. Das stört das Bild vom lustigen Künstler. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2003)

Von
Markus Mittringer

Service

"Daniel Spoerri - Der Zufall als Meister",

Ausstellung von 20. Februar bis 1. Juni im Kunsthaus Wien,

Wien 3., Untere Weissgerberstr. 13

Öffnungszeiten tgl. 10-19 Uhr

"Daniel Spoerri: Collage-Objekt",

21.2.-22.3., Galerie Hilger,

Wien 1., Dorotheergasse 5,

Di-Fr 10-18, Sa 10-16

Links

kunsthauswien.com

hilger.at

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    'Daniel Spoerri mit Santo Grappa'

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