Mord oder Totschlag an Autoverkäufer in Traiskirchen?

19. Februar 2003, 16:05
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Schwieriger Fall für Richter - Gewalttätigkeit spielte sich auf zwei Meter ab - die Waffe war in Griffnähe der Frau - Notwehr möglich

Wien - Ein schwieriger Fall für die Justiz dürfte die Bluttat werden, bei der am Montagnachmittag eine 27-Jährige Frau in ihrer Wohnung in Traiskirchen einen Wiener Autoverkäufer erschossen hat.

Der 23-jährige Mann war zu der Mutter zweier Kleinkinder gekommen, um den Zahlungsbeleg für einen Autokauf aus dem Jahr 1999 zu fordern, und hatte sie dabei schwer misshandelt. Die 27-Jährige griff nach einer abgesägten Schrotflinte und erschoss den Peiniger. Mehr Klarheit soll nun ein Lokalaugenschein bringen.

Vorlage der Quittung

Der Hintergrund dürfte ein versuchter Betrug des 23-Jährigen gewesen sein, der einen Teil des bezahlten Kaufpreises seinem Unternehmen unterschlagen haben soll. Da am Dienstag eine Zivilrechtsverhandlung angesetzt gewesen wäre, bei welcher der Autoverkäufer nach Vorlage der Bestätigung aufgeflogen wäre, versuchte er, die Quittung gewaltsam an sich zu bringen.

Tragödie auf zwei Meter

Die Frage für die Justiz - zuständig ist das Landesgericht Wiener Neustadt - ist die strafrechtliche Bewertung der Causa. Laut Oberst Franz Polzer, Leiter der Kriminalabteilung Niederösterreich, verantwortet sich die 27-Jährige, dass der Autoverkäufer sie schwer misshandelte und sie im Vorraum der Wohnung niederschlug. Der Ermittler: "Die gesamte Situation spielte sich auf einem Raum von ein bis zwei Metern ab."

Waffe in Griffweite der Frau

Die Tatwaffe, eine abgesägte Schrotflinte, war in einer Abstellnische im Vorraum versteckt und damit in unmittelbarer Griffweite der Frau. Zunächst hatte es geheißen, dass sie unter dem Vorwand, den tatsächlich bei ihrem Anwalt deponierten Beleg holen zu wollen, in eine Abstellkammer gegangen und mit dem Gewehr zurückgekehrt wäre. Die 27-Jährige machte ihre massive Angst vor dem Peiniger als Grund für den Schuss geltend.

Untermauert wird die Aussage der 27-Jährigen von den Verletzungen in ihrem Gesicht. Weiters war der Autoverkäufer laut Exekutive über 1,90 Meter groß und von kräftiger Statur, die junge Frau ist hingegen zierlich. Der Lokalaugenschein soll nun den genauen Hergang der Bluttat rekonstruieren.

Die Obduktion des Toten bestätigte jedenfalls die Angaben der Traiskirchnerin. Demnach starb der 23-Jährige durch einen Treffer im Genick.

Notwehr möglich

Der prominente Wiener Strafverteidiger Werner Tomanek gibt der 27-Jährigen in einem allfälligen Prozess "gute Chancen". Sollte ihre Darstellung mit den Tatortspuren und den objektivierten Verletzungsspuren in Einklang zu bringen sein, "ist es durchaus realistisch, dass am Ende eine Notwehr rauskommt", so Tomanek. "Wenn sie einen guten Anwalt hat", wie er sich einzuschränken beeilte.

Beseitigung von Blutspuren

Dass die Mutter zweier kleiner Kinder nach der Tat die Leiche ins Schlafzimmer schleppte und die Blutspuren beseitigte, müsse nicht zwangsläufig als "Verschleierungshandlung" ausgelegt werden, meinte der Anwalt. "Beim ersten Toten ist man immer aufgeregt", gab er zu bedenken.

Erfahrungsgemäß werde in ähnlichen Fällen meist aber doch Mord angeklagt. "Eine Unsitte", wie Tomanek findet. Man schiebe damit die Verantwortung, ob es sich nicht um Totschlag oder eine Körperverletzung mit tödlichem Ausgang gehandelt habe, auf in aller Regel juristisch unbedarfte Geschworene ab, die allein über die Schuldfrage zu entscheiden haben.( APA)

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