So sieht Österreichs Notfallplan aus

19. Februar 2003, 12:59
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Bildung mobiler Einsatzteams und Aufstockung des Impfstoff-Vorrats - "Massenimpfungen schließen wir apodiktisch aus"

Wien - Im Deutschland werden Massenimpfungen als Schutzmaßnahme gegen einen Terroranschlag mit Pockenviren diskutiert, US-Präsident George W. Bush hat sich schon impfen lassen. In Österreich ist eine Immunisierung weiter Teile der Bevölkerung gegen die seit rund einem Vierteljahrhundert ausgerottete Seuche nicht geplant, nicht zuletzt wegen handfester medizinischer Bedenken. Die Gesundheitsbehörden sorgen aber vor: Mobile Einsatzteams werden gebildet. Der Impfstoff-Vorrat wird aufgestockt.

"Massenimpfungen schließen wir apodiktisch aus", betonte Hubert Hrabcik, Sektionschef im Gesundheitsministerium. Geimpft werden soll, im Fall des Falles, "anlassbezogen", um eine Ausbreitung der Seuche im Keim zu ersticken.

Mehr Impfstoff

Österreichs Notfallplan: "Die Vorarbeiten haben schon im Herbst begonnen", berichtete Hrabcik. Eine erste Tranche des neuen Pockenimpfstoffs - "was noch zu erhalten war" - wurde gekauft und eingelagert. Durch Großbestellungen der USA und Großbritanniens sei es zu einem vorübergehenden Lieferengpass gekommen.

Seit Dezember besitzt Österreich genug Vakzin, um "rund ein Achtel der Bevölkerung" zu impfen. In diesem Frühjahr soll noch einmal die doppelte Menge dazukommen. "Ein genereller Schutz ist nicht notwendig und nicht sinnvoll", bekräftigte Hrabcik.

"Kein Zielland"

"Massenimpfungen sind vollkommen unsinnig", bestätigte auch Univ.-Prof. Dr. Christian Vutuc, Epidemiologe vom Institut für Krebsforschung der Universität Wien. Dies nicht zuletzt deshalb, weil Österreich seiner Meinung nach "kein Zielland" ist. Der Wiener Epidemiologe war in den siebziger Jahren in Bangladesch hautnah dabei, als dort die Seuche ausgerottet wurde.

Eine breitflächige Verabreichung des Vakzins sei schon vor der Ausrottung der Krankheit "nicht die Methode der Wahl" gewesen, so Vutuc. Es gehe um "Surveillance and Containment", also darum, Fälle rasch zu erkennen und den Patienten und seine Kontaktpersonen zu isolieren sowie die Eindämmung durch gezielte Impfung dieser direkt Betroffenen. Für eine breitere Verabreichung des Vakzins sieht der Arzt "weder einen medizinischen noch einen rechtlichen Hintergrund".

Wissen der Vergangenheit

Gleichzeitig mit der Bestellung des Impfstoffs wurde in Österreich die Ausbildung für die Verdachtsdiagnostik vorangetrieben. "Ein Erkrankungsbild, das seit rund 25 Jahren nicht mehr aktuell gegeben ist, muss wieder in Erinnerung gerufen werden", sagte Hrabcik.

Es erschien wenig sinnvoll, alle 30.000 heimischen Ärzte zu Pockenexperten zu machen. Das geplante Ablaufszenario sieht laut dem Sektionschef daher so aus: Wenn ein Verdachtsfall auftritt, treten mobile Einsatzteams auf den Plan, die "vor Ort kommen, Erstmaßnahmen in die Wege leiten und alle Entscheidungen treffen". Isolation

Genauso wichtig wie das Vorhandensein des Impfstoffs sei es, "eine mögliche Infektionskette durch Begleitmaßnahmen zu trennen", so Dr. Hubert Hrabcik, Sektionschef im Gesundheitsministerium. In allen österreichischen Bundesländern sind Unterbringungsmöglichkeiten sowohl für Infizierte als auch für deren Kontaktpersonen ausgewählt worden.

Ein mit dem Pockenvirus infizierter Patient wird in einem geeigneten Krankenhaus - "kein Schwerpunktspital mit Bettenturm und kein Haus mitten im Zentrum", so Hrabcik - isoliert. Menschen, die sich möglicherweise angesteckt haben könnten, werden in für eine Quarantäneunterbringung geeigneten Gebäuden betreut.

Schulungen für Ärzte

Die Erstdiagnostik einer Pockenerkrankung ist nicht einfach, nicht nur, weil das Krankheitsbild den wenigsten Ärzten noch aus persönlicher Anschauung bekannt ist. Die ersten Symptome ähneln den viel harmloseren Feuchtblattern. Hier sollen die mobilen Einsatzteams oder so genannten Diagnoseteams helfen, die in den Bundesländern derzeit aufgebaut werden.

Auch die Verabreichung der Schutzimpfung müssen die Mediziner neu lernen - in Österreich wird sie seit Ende der Siebziger nicht mehr verabreicht. Die Schulung richtet sich vor allem an Ärzte im öffentliche Gesundheitsdienst, die "im Schneeballsystem" gebrieft werden - u.a. von Univ.-Prof. Christian Vutuc und Univ.-Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, Leiter der Abteilung für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin an der Universität Wien, beides international anerkannte Experten.

Begleitmaßnahmen

"Wenn eine Infektion auftreten sollte, gibt es ausreichend Impfstoff für Betroffene", betonte Hrabcik. Mit der Immunisierung allein sei es dann aber nicht getan. Neben den erwähnten Begleitmaßnahmen würden dann wohl auch Einschränkungen beim Straßen- und Flugverkehr, ähnlich wie bei der Maul-und-Klauen-Seuche in den siebziger Jahren, nötig. "Der beste Schutz ist die Vermeidung des Kontakts mit Verdachtspersonen", so der Experte. (APA)

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