Spielen wir ein Lied auf dem Verfassungsinstrument!

21. Juli 2008 17:49

Motivationsbrief an irische EU-Skeptiker - von Karl Staudinger

Liebe irische EU-SkeptikerInnen, mit Interesse verfolge ich als Österreicher die Debatte über den Lissabon-Vertrag in Ihrem Land und beneide Sie um den intensiven Austausch von Informationen und Meinungen zur EU, auch wenn ich den Ausgang des Referendums vom 12.Juni bedauere.

In der Debatte über den Lissabon-Vertrag werden zwei Punkte miteinander vermischt: Der erste Punkt ist die Beurteilung von Leistungen unserer Regierungen und der EU-Institutionen. Haben sie ein Ohr für die Bedürfnisse einfacher Leute? Beurteilen sie die Herausforderungen unserer Zeit richtig, finden sie gute Lösungen, und sind sie entschlossen, für das Allgemeinwohl zu entscheiden, wenn sie von Konzernen unter Druck gesetzt werden?

Es gibt immer eine Menge Gründe, mit PolitikerInnen unzufrieden zu sein, auch mit Nicolas Sarkozy, der gestern Irland besucht hat. Ich persönlich finde es verantwortungslos, dass der französische Präsident den weiteren Ausbau der Atomenergie forciert.

Der Vertrag von Lissabon betrifft jedoch einen anderen Punkt, nämlich die Frage, ob wir über einen tauglichen Rahmen verfügen, über politische Probleme auf Europa-Ebene zu entscheiden. Unabhängig davon, wie ich die konkrete Politik der EU beurteile - und sie ist in vielen Punkten völlig unzureichend -, ist dieser Rahmen unverzichtbar, weil Politik auf nationaler Ebene im Zeitalter der Globalisierung wirkungslos bleibt.

Ich möchte ein Bild der alten Griechen verwenden, um den Unterschied zwischen den beiden Punkten zu verdeutlichen: Die Verfassung ist nach diesem Bild ein Instrument, und Politik ist die Musik, die darauf gespielt wird. Es ist klar, dass auf demselben Instrument ganz unterschiedliche Musik gespielt werden kann. Sie haben mit Ihrer No-Kampagne gezeigt, dass sie über eine beachtliche Fähigkeit verfügen, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Sie haben den Lissabon-Vertrag kritisiert, weil er den Euratom-Vertrag bestätigt. Ich teile Ihre Kritik, doch wäre es nicht interessant, die Atomenergie mit einem EU-weiten Volksbegehren, wie es der Lissabon-Vertrag ermöglicht, zurückzudrängen? Sie würden in Österreich gewiss Unterstützer finden!

Ein letzter Punkt: Nach den Verträgen der EU wird die Kommission verkleinert, sodass jeder Mitgliedsstaat für bestimmte Zeiträume nicht in der Kommission vertreten sein wird. Ich bin überzeugt, dass manche irischen Kommissare unsere Anliegen gleich gut vertreten werden wie österreichische, es wird jeweils von der Person abhängen, nicht von der Nationalität.

Mit dem Bild der Griechen gesprochen, können wir noch lange über wünschenswerte Instrumente diskutieren. Wichtiger erscheint mir, dass wir uns als engagierte BürgerInnen einbringen. Die Möglichkeiten dafür sind nach dem Lissabon-Vertrag besser als jetzt. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.7.2008)

 

Karl Staudinger ist Politikberater und Online-Trainer

Kommentar posten
24 Postings
1116er
24.07.2008 09:32
zu spät

dieser brief hätte den iren schon vor ihrer abstimmung zugestellt worden sein!

doch vermutlich hätten's ihn e nicht gelesen oder ignoriert, denn diese abstimmung war zu sehr von emotionen und weniger von argumenten geprägt.

(was schrecklich ist, aber ein weltweites phänomen, das viel stärker diskutiert und kritisiert gehört)

glasklar
23.07.2008 09:36
soweit so logisch,

aber wer stimmt schon unter logischen gesichtspunkten,?

Karl Staudinger
 
23.07.2008 14:50
maybe you

... Sie, hoffentlich!
lg karl staudinger

Lulu von Strauß und Tornay
22.07.2008 07:31
"EU-weiten Volksbegehren, wie es der Lissabon-Vertrag ermöglicht"

Ich habe im Lissabon-Vertrag nichts über ein EU-weites Volksbegehren gelesen.

JT 1
22.07.2008 13:41
wahrscheinlich

hast du in erst gar nicht angefangen zu lesen, sondern nur das inhaltsverzeichnes überflogen!

Karl Staudinger
 
22.07.2008 09:49
artikel 8b (alte nummerierung), artikel 11 (neue nummerierung)

der reformvertrag in deutscher sprache ist (u.a.) auf der website des parlaments zu finden: http://is.gd/ZUL . artikel 8b absatz 4 (in der konsolidierten fassung artikel 11) lautet:
"(4) Unionsbürgerinnen und Unionsbürger, deren Anzahl mindestens eine Million betragen und bei denen es sich um Staatsangehörige einer erheblichen Anzahl von Mitgliedstaaten handeln muss, können die Initiative ergreifen und die Europäische Kommission auffordern, im Rahmen ihrer Befugnisse geeignete Vorschläge zu Themen zu unterbreiten, zu denen es
nach Ansicht jener Bürgerinnen und Bürger eines Rechtsakts der Union bedarf, um die Verträge umzusetzen."
mein kommentar ist auf youtube als video-antwort auf ein video von patricia mckenna: http:is.gd/ZVw
beste grüße

JA zum EU-Austritt
22.07.2008 14:39
Da ist schon die Krux

"Staatsangehörige einer erheblichen Anzahl von Mitgliedstaaten"

Was heißt ERHEBLICHE ANZAHL ganz konkret? Wieviele sind das?

M.Honeybee
22.07.2008 16:59

Lt. eines Brüsseler Juristen: wäre wie "Qualifizierte Mehrheit von Ländern" für andere Beschlüsse zu verstehen.

= praktisch nicht umsetzbar

= bewußt nicht klar definiert (Fangregelung)

= Dieser 11er-Witz made by Brüssel wird als "Mehr Demokratie" von Befürwortern verkauft.

Aber man korrigiere mich bitte...ich lerne ja gerne dazu.

Ava Tar
22.07.2008 10:04

Ihr Video ist nicht als Video-Antwort eingerichtet, das sollten Sie technisch beheben.

Was von so einem Volksbegehren zu halten ist, sah man ja am österr. Volksbegehren gegen den Reformvertrag. Wieviele hunderttausend Unterschriften wurden da an Frau Prammer übergeben, und inwiefern befaßte sich der Nationalrat damit ?

Das sind in der Praxis in erster Linie Placebos, die eine vollwertige Demokratie, in der die Bevölkerung dieMöglichkeit hat, ihre obersten Organe zu wählen und abzuwählen, in keinster Weise ersetzen.

na seawas heast
22.07.2008 09:41

Sie konnten den Lissabon-Vertrag lesen ?

Karl Staudinger
 
22.07.2008 10:05
youtube

der link zum youtube-video ist im vorangehenden kommentar leider unvollständig und lautet richtig:
http://is.gd/ZVw
beste grüße
karl staudinger

17+4
21.07.2008 22:19
interessant wäre es wohl:

"doch wäre es nicht interessant, die Atomenergie mit einem EU-weiten Volksbegehren, wie es der Lissabon-Vertrag ermöglicht, zurückzudrängen"
aber warum soll man darauf warten, ob dies vielleicht angesetzt wird (das Volkbegehren), wenn man es so viel wirkungsvoller verhindern kann.
Warum soll der kleine Stimmbürger, der von der Politik so geschunden wird, das einzige Instrument, das er spielen darf, denen in die hand geben mit der Gewissheit, es nie mehr wieder spielen zu können.

Herr Politikberater Staudinger: haben sie einmal in Vertrag gelesen, welche nicht überspringbare Hürden für ein Volkbegehren aufgestellt wurden. Da ist eine Generalmobilmachung einfacher durchzusetzen!

Die Iren haben mit ihrer Skepsis schon recht!!

JA zum EU-Austritt
22.07.2008 00:19
Dieser Herr Staudinger schreibt halt, was er schreiben muß

Der Kronenzeitung wird vorgeworfen, seit einiger Zeit massiv gegen die EU zu schreiben (wohlgemerkt noch nie für den EU-Austritt!).
Daß all die EU-Knechtzeitungen, angefangen vom Standard, über den Kurier und die Presse, Salzburger Nachrichten, Oberösterr. Nachrichten, Tiroler Tageszeitung, Kleine Zeitung usw., seit etwa 1993, also schon rund 15 Jahre praktisch ununterbrochen massiv für die EU werben, da wird dann natürlich mit zweierlei Maß gemessen..............

Dimple
22.07.2008 10:34
JedeR vernünftige Mensch sieht

daß Österreichs Wirtschaft seit 1995 auch und v.a. durch die Osterweiterung der EU deutlich kräftiger geworden ist, was auch (auch und v.a. im Klein- und Mittelbetrieben) zu massiven Zuwachs an Arbeitsplätzen in .at geführt hat.
Gleichzeitig sind die Preise (trotz der jetzigen Inflation) stabil, die Grenzkontrollen und die unnötige und teure Geldwechselei usw. gefallen,... - dazu kommt massive Solidarität (EU-Förderungen, reiche Staaten als Nettozahler,...) mit ärmeren Ländern.

Ergo: Ausser einem Wir-san-Wir - Gefühl, das alles Fremde ablehnt, spricht fast nichts gegen die EU, aber sehr viel dafür.

lg
Dimple

m ac
30.07.2008 11:48
Ich seh nur die deutlich hohe stabile Arbeitslosigkeit..

und zwar deutlich mehr sog.neue Arbeitsplätze, denn die Arbeitslosigkeit bleibt weiter auf hohem österreichischem Niveau.
Ich sehe auch, daß diese sog.neuen, aber auch die alten Arbeitsplätze nur in der Anzahl mehr werden. Grund: es gibt viel mehr Teilzeitarbeitsplätze und geringfügige Beschäftigungen sowie freie Dienstverträge. Letzere meist ohne soziale Absicherung. Qualifizierte Kräfte, sog.Studenten müssen oft ab 6€ /h brutto arbeiten, weil sie keine andere Wahl haben. Der Arbeitsmarkt, also die Arbeitgeber nehmen nur bereits auf ihren Arbeitsplatz faktisch zugeschnittenes Personal ein. Oder zahlen wenig.
Mehr Arbeitsplätze wird uns eingetrichtert. Ich sage, nicht die Anzahl, sondern die Qualität und die Entlohnung ist entscheidend.

JA zum EU-Austritt
22.07.2008 15:36

Die alte Kernaussage: "Wer vernünftig ist, ist für die EU".

Was ein jeder sieht, der nicht ganz verbissen die Augen vor der Realität schließt:
- Deutlich kräftiger ist seit 1995 das Plus auf Seiten der Reichen geworden.
- Ein massiver Zuwachs an Gerinfügig Beschäftigten und Teilzeit ist zu verzeichnen.
- Die Preise sind stabil hoch (Teuerung in der EU innerhalb des letzten Jahres im Durchschnitt 7%, in Norwegen im selben Zeitraum 3%).
- Wie oft macht der Durschnittsösterreicher Urlaub im Ausland? Früher konnte man sagen, vielleicht 1x pro Jahr, inzwischen bleiben immer mehr Österreicher im Urlaub überhaupt zu Hause, weil sie es sich nicht mehr leisten können. Von wegen "teure Geldwechslerei".......

Georg Geyer
22.07.2008 11:11

Es tut mir immer weh, wenn auf das (meiner Ansicht nach) wichtigste pro-EU Argument vergessen wird, da dies offensichtlich schon so selbstverständlich ist, daß das immer vergessen wird:
Längste Friedensperiode in Europa seit über 2000 Jahren !!!
Natürlich hätten wir ohne EURO global/wirtschaftlich nie die Stellung die wir heute haben.

JA zum EU-Austritt
22.07.2008 15:29

Wäre Österreich 1995 nicht der EU beigetreten, würden wir als neutrales Land heute auch so viele schrecklich blutige Kriege führen wie unsere Schweizer Nachbarn...............

Dimple
22.07.2008 12:35
Ich habe bewusst weggelassen

daß die EU ein grandioses und extrem erfolgreiches Friedensprojekt ist, das dazu führt, daß Länder ihre Differenzen beilegen (von F und D bis zu jetzt Türkei und Griechenland), das Frieden, Demokratie und Wohlstand gebracht hat, wo selbst die Möglichkeit des Beitrittes den Bewohnern div. Länder (Rumänien, Bulgarien, Serbien, Türkei,...) Freiheiten bringt und das die EU eine Solidargemeinschaft (Strukturfonds - Irland und Spanien beim Beitritt und heute!) bisher ungekannten Ausmasses ist.

lg
Dimple, mir tut es auch weh, diese Dinge wegzulassen, aber sie werden noch weniger verstanden, als Beispiele über wirtschaftliche Erfolge und deren monetäre Auswirkungen

Unehelicher Sohn von Dans Hichand
22.07.2008 12:28

Schön, dass wir innerhalb von Europa keinen Krieg mehr haben. Schöner wärs, wenn wir mit unserer Rohstoffpolitik nicht dauern in aller Herren Länder Kriege unterstützen und anzetteln würden.
Darf ich auch noch daran erinnern, dass es europäische Bomber waren, die 1999 einen Angriffskrieg gegen Serbien gefolgen sind?

Georg Geyer
22.07.2008 12:59

Schön wär natürlich noch vieles...aber es muß auch mal gesagt werden welche großen Ziele schon erreicht sind.
Ich bin ein Kriegsgegner, aber in Serbien hatte man das Gefühl als wäre die Situation nachher tatsächlich besser geworden.
Und es gibt jetzt Beitrittsperspektiven = Friedensperspektiven.

Unehelicher Sohn von Dans Hichand
22.07.2008 13:11

Besser geworden ..... ja, eh, nachdem wir mal kräftig draufgehaut haben, die letzten funktionierenden Industrien und Infrastruktur zerbomt haben, damit wir sie uns dann unter den Nagel gerissen haben. Die yugoslawische Autoindustrie zerbombt -> heute gehörts VW und Co, die Kraftwerke zerbombt -> heute ist EON der große Player da unten usw. Die Rohstoffvorkommen im Kosov gehören mitlerweile auch schon alle westlichen Firmen. Das ist kein Friede, das ist Annexion.

Georg Geyer
22.07.2008 16:55

Das ist in vielen anderen Osteuropäischen Ländern ähnlich (und manchmal in Ö auch: Magna...) ohne das dort ein Krieg stattgefunden hat.

Ich kann kaum einen Krieg gutheißen...aber dort herschte soviel ich weiß vor unserer Haustür Völkermord. Und selbst da waren die Amis (dayton) federfühtend

Arminius
21.07.2008 21:53
Hmmm ... Stichwort gekriegt ...

Über friedliche Nutzung von Atomkraft hatten wir wirklich schon lange keine Volksabstimmung mehr. Die war auch noch viel knapper als die über die EU. Ich denke, langsam wird es Zeit ...

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.