In den letzten Tagen meinten viele Kommentatoren - wie etwa vor kurzem an dieser Stelle der VP-freundliche "Sozialliberale" Christian Mertens -, dass es eigentlich naheliegend und "ganz normal" sei, dass sich Grün mit Schwarz ins Regierungsbett legt und dort - ja, was weiß ich treibt! Oberösterreich wird als leuchtendes Beispiel hergenommen, Graz und vielleicht auch noch Bregenz, wo auf Landes- oder kommunaler Ebene ein bisschen kopuliert wird - mit mäßigem Erfolg, wie ich meine, wahrscheinlich zulasten der grünen Regierungssteigbügelhalter bei kommenden Wahlen.
Die Grünen, so ein häufiges Argument, hätten mit Christlich-Sozialen mehr gemeinsam als mit Sozialdemokraten (ob die ÖVP und wer in ihr noch "christlich-sozial" ist, sei einmal dahingestellt). Stimmt das wirklich? Freilich stammen viele Grüne aus bürgerlichen, viele sogar sicher aus ÖVP-wählenden Elternhäusern mit katholischem Hintergrund - ja, die meisten sind, sagen wir's, wie's ist: Bildungsbürger-"SprösslingInnen"!
Aber das Elternhaus ist bei halbwegs gesunder Entwicklung ja auch dazu da, zurückgelassen zu werden - gerade für Bildungsbürgerkinder, denen in privilegierter Weise die Chance der Ablösung gegeben ist, sich kritisch mit der Welt auseinanderzusetzen, sich über Veränderungsmöglichkeiten zu informieren usw. Und ob's dann noch "ganz normal" ist, mit den Schwarzen gemeinsame Sache zu machen?
Die Öko-Partei, die schon viel zu lang mit der Macht kokettiert, sollte sich, anstatt mit Stimmenzuwachs in der Mitte zu spekulieren, in der schon größere Parteien ihre Grundsätze und damit sich selbst verloren haben, lieber wieder ihrer sozialkritischen Aufgaben bewusst werden: Es darf wohl nicht wahr sein, dass zum Beispiel Themen wie der nicht enden wollende Skandal der grassierenden Armut im viertreichsten Land der Europäischen Union den Haiders, Dinkhausers und Straches überlassen wird. Die "Kapitalismuskritik" (wie wir es noch nannten, als die grün-alternative Bewegung entstand) - von Rechtspopulisten bewusstlos zur scheinheiligen Aufwiegelung missbraucht - ist eine ganz zentrale Aufgabe grüner Parteien, sind doch nicht zuletzt die ökologischen Zerstörungen auf eine rücksichtslose, einseitig ökonomisch kalkulierende Ausbeutung der Natur und ihrer Ressourcen zurückzuführen.
Neoliberale Raff- und Verblödungsmechanismen, die die Menschen in immer unsicherere Lebensverhältnisse treiben, die bewirken, dass die verschärften Arbeitsnormen zum alles beherrschenden Takt des alltäglichen Lebens werden, die Leute krank machen (bezeichnenderweise ohne häufigere Krankenstände!), die uns Zeit und Muße rauben und die Freizeit in ein Eldorado der Konsum- und Leistungshetze verwandeln - all das sind Probleme, die die Grünen Klein-Mann/Frau-verständlich in aller Schärfe zum Thema machen sollten.
Und in dieser Hinsicht ist eine Ehe mit der ÖVP mehr als ein Kamikaze-Unternehmen. Denn in diesen Belangen, auf die sich zu besinnen einer kritischen Öko-Partei wieder gut anstünde, ist die Möchtegern-Kanzlerpartei sogar der ideologische Hauptgegner: die Partei der Vermögenden, der gesicherten, reicher werdenden Minderheit, die auch nichts Entscheidendes gegen die tendenzielle Verarmung des Mittelstands tut.
Die Partei, für die "ökosoziale Marktwirtschaft" dort endet, wo sie ihrer Klientel etwas kosten würde. Die Partei, die ihre Nachkommen ja nicht in dieselben Schulen schicken will, in die jene gehen, die man für die Schlechteren hält. Also: Nicht die gestrigen Haiders und Straches mit ihren populistischen Frust-Antennen, nicht die polternden Martins und Dinkhausers, denen das Ego im Weg steht, sind die Betreiber und weltanschaulichen Vertreter eines konsolidierten Turbokapitalismus, sondern die Protagonisten des Vielleicht-Koalitionspartners ÖVP.
Ergo: Schluss mit dem Schielen nach weiß ich wie vielen Prozentpunkten, die in der Mitte zu holen wären und die Grün-Partei für die schwarze Brautwerberin interessant machen! Diese Prozente sind nur um den Preis einer völligen Verflachung des Einsatzes gegen ökologisches und ökonomisches Unrecht zu haben.
Wollen das die Grünen? Reicht es nicht, eine stabile, kritische Wählerschar zu haben, die sich bei den erwartbaren Krisen des neoliberalen Treibens sogar einmal unversehens vermehren kann, wenn sich die wirklich Gefährdeten in diesem System angesprochen, verstanden und vertreten fühlen? Das wär doch eine "Alternative" der Stimmenmaximierung im Vergleich zum wohlanständigen Händchenhalten mit einem falschen Brautwerber? (DER STANDARD, Printausgabe, 19.7.2008)
Josef C. Aigner ist Erziehungswissenschafter und Psychoanalytiker, lehrt an der Uni Innsbruck.
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repräsentiert durch die EU. So wie die EU derzeit verfasst ist, kann sie ein grüner der gründungszeit dieser partei nur ablehnen. Grün sein heißt AUCH sozial sein, und sozial sein heißt links sein !
Ein ehemaliger grünwähler.
ja, die ÖVP ist der Gegenpol zu den Grünen. Wie es im übrigen nur auch rein rational veranlagten Menschen offenkundig sein sollte. Gibt es doch keinen fundamentaleren Anspruch auf Erneuerung als bei den Grünen und gibt es doch nirgends einen grundlegenderen Konsens, dass alles nach bestehender Gleichung rauf- und runtergerechnet werden soll als bei der ÖVP. Bewahren versus erneuern. Nur, wir kennen das aus dem Fußball, wenn der andere beharrlich bewahrend vorm Tor blockiert, rennt man sich dumm und dämlich, ohne ein Tor zu schießen. Also bleibt alles beim Alten. Und das mag für die ÖVP schmerzlos sein, für die erneuernde Kraft schlechthin mit neuen Parametern und Konzepten in der Gleichung ist diese Arena kein Gestaltungsraum.
Herr Aigner reduziert das Grünen-Programm sehr einfach auf Anti-Globalisierung und Klassenkampf, ganz im Sinne der 68er-Generation. Er übersieht dabei, dass jedoch der Großteil der Grünen-Wähler nicht aus dieser Schicht stammen, sondern - wie er selbst schreibt - Abkömmlinge des Bildungsbürgertums sind. Wo steht geschrieben, dass Klassenkampf Aufgabe der Grünen ist? (Von Armut kann man ja in Österreich ohnehin nicht sprechen. Wenn man kein Auto besitzt, ist man denn dann arm??? Arm sind Menschen in 3. Welt Ländern!!)
Ich denke, dass es für die Grünen in einer Regierung mit der ÖVP sehr wohl wichtige Themen gäbe: Umstieg auf alternative Energieformen, Ausbau des öffentlichen Verkehrsnetzes (was ja in der großen Koal net funktioniert)
Sie sind reichlich uninformiert über Armut in Österreich.
Vielleicht sollten sie mal ihr hübsches bio-Teller verlassen und über dessen Rand schauen.
Etwas mehr Kapitalismus-Kritik stünde den Grünen tatsächlich gut an, wenngleich ich ihnen zugestehen muss, dass derartige Themen von unseren lieben Medien nicht gerne transportiert werden, es sei denn zu skandalisierung nach dem Motto "Geh doch rüber in die ..."
Und an Joe Aigner:
Über die Abkömmlinge des Bildungsbürgertums erregen sich gekonnt meist Abkömmlinge des Bildungsbürgertums.
Bildungsbürgertum. dem die Polarisierung der Gesellschaft nicht auffält. Das kann den Grünen wohl nicht vorgehalten werden.
Was ihnen fehlt ist die "Leidenschaft" für soziale Gerechtigkeit zu kämpfen. Es ist ein lauer Weg, der gegangen wird.
Und es wird nicht gesehen, daß Umweltzerstörung zuerst die Armen trifft.
Die, die 1968 auf die Strasse gegangen sind, das waren die Studenten - als die Abkömmlinge der Bildungsbürger. Gerade bei gebildeten Menschen kommt es vor dass Gewissen und ein gewisser Blick fürs Ganze zusammentreffen - und auf diese Gruppe sollten die Grünen zielen.
Parteien für hemmungslose, kurzsichtige Egoisten gibt es genug.
dass die studenten, die 1968 aus guten oder schlechten gründen auf die straße gegangen sind, ausgerechnet vorwiegend die abkömmlinge von bildungsbürgern gewesen sein sollen, kann ich mir schwer vorstellen.
studenten sind überproportional häufig nachkommen von akademikern oder reichen (was nicht immer zusammenfallen muss).
wie definieren sie den begriff "bildungsbürger"? bei mir ist er eher negativ besetzt. sie sind stolz auf ihre bildung, versagen aber oft im praktischen leben, wenn's um politisches g'spür und politische verantwortung geht. beispiel: die vielen gymnasiasten, maturanten, akademiker, die im dritten reich umgefallen sind. positiv wäre: mensch, der konsequent kritisch und selbstkritisch ist und im krisenfall handelt.
Möglicherweise hätte ich "gebildete Schichten" schreiben sollen statt "Bildungsbürger" - der emotionale Gehalt des Wort stört die Diskussion.
Möglicherweise trifft auch die negativste Auslegung den Kern ganz gut: "Der Westen" vor 1968 war nach allem was ich weiß (erlebt habe ich es nicht) ziemlich
verstaubt, in Konventionen erstarrt, rigide, autoritär (besonders im kleinen). Ganz speziell bei den Generationen die das dritte Reich noch erlebt haben. Und gegen diese Elterngeneration der Spiessbürger (negative Bedeutung beabsichtigt) oder Bildungsbürger (wenn die Kinder auf die Uni geschickt wurden) hat sich die Bewegung gerichtet. (Wenn man ungefähr 100000 Details wegläßt...)
zur herzensbildung braucht man nicht einmal einen hauptschulabschluss. analphabetismus ist vielleicht sogar ein plus.
"gebildete schichten" ist neutral, impliziert aber, dass es ungebildete schichten gibt. in kenntnis der gebildeten schichten protestiere ich. kinder sind zum beispiel der wahrheit oft viel näher.
die zeit vor 1968 - ganz so war das nicht. das erlebnis des dritten reiches hat vielen die augen geöffnet (und nicht alle waren mitgelaufen). national begeisterte haben den mund gehalten. auf grund der erlittenen not - gab es relativ viel solidarität und idealismus.
das generalurteil, das sie über die generationen sprechen, die das dritte reich erlebt und überlebt haben, teile ich nicht. weisheit ist nicht 1968 erfunden worden.
Es ist Unfug, wenn Empathie und soziales Gewissen dem
Bürgertum reserviert wird.
Aber wenn ich in der Geschichte krame, dann waren viele aus dem Bürgertum stammende Frauen und Männer, die die Sozialdemokratie aufbauen halfen.Ganz einfach weil Sie die Armut als gesellschaftlich unerwünscht ansahen.
Es kommt auf die Gesinnung an und welche Welt man will, dann ist das Streben nach Bildung autiomatisch vorhanden, eine Voraussetzung für Partizipation.
So gesehen ist der Begriff "Bildungsbürgertum" heute
abhgegriffen, ohne Aussagekraft...
das unterschreibe ich alles.
erinnere mich daran, dass mein arbeitergroßvater in einem sogenannten arbeiterbildungsverein tätig gewesen ist. man wollte, dass sich die arbeiter weiter entwickeln, vor allem auch: ohne alkohol auskommen.
heute: werden süchte gefördert (oder es wird jahrzehnte lang zugeschaut).
welche welt man will: es sollte nach genügend langer zeit der diskussion (im idealfall :-) bei 95 % der menschen ziemlich dasselbe herauskommen (5 % borderline und soziopathen). kinder sind ziemlich ideal. an der evolution liegt es wohl nicht. "wir" sind so gebaut, dass wir zusammenhalten, solange wir nicht verbildet worden sind. bestimmte "erfindungen" hätten besser nicht gemacht werden sollen. lage ist aber nicht ganz hoffnungslos.
machen, daß ish einige Seiten vorher Ihnen gegenüber "Lehrer" gespielt habe.
die Arbeiterbewegung war eine Bildungsbewegung.
Alkoholkonsum war in Zeiten der Wirtschaftskrise, bei großer Arbeitslodigkeit ein vermeintlicher Ausweg.
Es gab den Spruch"ein trinkender Arbeiter denkt nicht und ein denkender Arbeiter trinkt nicht."
Die Abstinentenbewegung hatte damals große Bedeutung.
Wichtig ist es, nicht in Nostalgie zu verfallen .
Das Leben für Einkommensschwache war immer sehr schwer, am meisten leiden kinder darunter, denen
Bildungschancen verwehrt bleiben.
sozialhilfeempfänger, die ungeniert mit großbildschirmen handieren und gleichzeitig behaupten, sie hätten nichts zu fressen. privatkonkurse, weil man den geleasten BMW bzw. die handyrechnung nicht mehr bezahlen kann, das ist nicht die armut welche uns regelmäßig aus den entwicklungsländern gezeigt wird oder??
Hr. Aigner übersieht das wichtigste Problem in diesem Zusammenhang :
De facto werden die Grünen von den sozialdemokratischen Führungspersonen VÖLLIG ignoriert und stärker ausgegrenzt, als die FPÖ. Von Gusenbauer, Faymann bis Burgstaller verschwendet niemand auch nur einen müden Gedanken an eine rot-grüne Koalition. Das wäre interessant zu erfahren : warum die führenden Sozialdemokraten mit den Grünen NICHTS zu tun haben wollen, und sie lieber der ÖVP in die Arme treiben.
Nun, wenn man sich die Eingangsseite der Homepage der Grünen ansieht, wundert einen das nicht wirklich. Schade, denn in einer Koalition mit der SPÖ hätten die Grünen wesentlich mehr Chancen, ihre Anliegen umzusetzen, sie sind ihnen inhaltlich um Häuser näher, und die SPÖ würde sich hüten die unglückselige Rolle zu übernehmen, die in dieser Koalition die ÖVP ihr gegenüber gespielt hat und mit einem wesentlich konstruktiveren Partner auch ihrerseits so konstruktiv wie möglich zusammenarbeiten - denn ein doppeltes Debakel kann sie sich am allerwenigsten leisten. Ja, und wenn jetzt wieder jemand schreit "das geht sich nicht aus" - mit den Schwarzen genausowenig (auch denen werden genug WählerInnen einen Denkzettel verpassen).
Das sehe ich genau so. Meine Vermutung ist, die SPÖ hat, wenn sie die Grünen anschaut, das Gefühl, dass ihnen jemand den Spiegel vorhält, wie es ohne inhaltliche Deformation auch gehen könnte.
Die SPÖ - und das sieht der Großteil ihrer Mitglieder - hat schon viel zu viele Tabubrüche begangen, als dass sie sich noch ehrlich in den Spiegel schauen kann. (erst kürzlich wieder die ersatzlose Abschaffung der Erbschaftssteuer, weils halt die Krone und die ÖVP wollten. Oder ich denke an die roten Innenminister, die um kein deut besser waren als die Schwarzen oder braunen, oder an das Privatstiftungsrecht)
Aufgrund dieses ihres schlechten Gewissens, ignorieren sie die Grünen lieber, als sich inhaltlich mit ihnen auseinanderzusetzen
sie sind mir zu polemisch und es spricht aus Ihren
Postings ein hohes Maß an Geringschätzung.
Ich möchte nur daran erinnern, daß die Grünen nicht bereit waren eine Minderheitsregierung zu akzeptieren und sogar VdB allfällige Wortmeldungen als nicht ernst gemeint berzeichnete.
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