Harmonielehre im Robinson-Club

  • Meryl Streep wirbelt in "Mamma Mia!"  schwungvoll durch die Abba-Mythologie - und gibt dem Film damit ein Zentrum.
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    Meryl Streep wirbelt in "Mamma Mia!" schwungvoll durch die Abba-Mythologie - und gibt dem Film damit ein Zentrum.

Meryl Streep legt sich in der Verfilmung des Abba-Musicals "Mamma Mia!" ins Zeug

Wien - "Knowing Me, Knowing You" - das gilt für Menschen wie für Hits. Die Songs von Abba gehören für eine bestimmte Generation und ihre radiohörenden Nachfahren zum Erbgut. Sie hängen direkt an den Endorphinen im Gehirn, an den Wohlfühl-Hormonen. Sie bilden eine Harmonie-Membran, die nun auch über die große Leinwand gespannt wurde: Mamma Mia!, das Musical, ist ein Film geworden.

Meryl Streep spielt Donna, eine Amerikanerin, die auf einer griechischen Insel sesshaft geworden ist und eher schlecht als recht ein altes Gemäuer zu einer Herberge umzufunktionieren versucht. Sie hat manchen Sommer der Liebe hinter sich, in einem ganz besonders romantischen Sommer hat sie das Mädchen Sophie empfangen, das inzwischen zu einem heiratsfähigen Alter herangewachsen ist und nun gern wüsste, wer sie zum Altar und in die Hände ihres feschen Bräutigams führen soll. Denn es gibt drei potenzielle Väter für Sophie, das geht aus den Tagebüchern ihrer Mutter hervor.

Alle drei Männer haben einen Brief mit einer Einladung bekommen, sie haben spornstreichs Folge geleistet und stehen nun an der Mole der griechischen Insel, ohne genau zu wissen, was auf sie zukommt: Sam (Pierce Brosnan), Bill (Stellan Skarsgård) und Harry (Colin Firth). Die Männer, die Insel, die Abba-Songs - alles ist "unplugged" . Dabei ist Abba unplugged eigentlich ein Widerspruch in sich, aber die Regisseurin Phyllida Lloyd kriegt es in Mamma Mia! irgendwie hin, dass die Formel aufgeht.

Rustikales Spektakel

Die einst im Studio hochgerüsteten Hits gewinnen auf der griechischen Insel ein rustikales Eigenleben, das der kargen Landschaft angepasst ist. Selbst die großen Tanznummern sehen eher nach einer Vormittagsanimation im Robinson-Club aus als nach Broadway und Busby Berkeley. Und die Griechen stehen in der Regel ein wenig verdutzt neben ihrem Esel und sehen dem närrischen Treiben der Zugewanderten zu.

Dass in Mamma Mia! die touristische Bewirtschaftung der Abba-Mythologie nicht außer Kontrolle gerät, ist allein Meryl Streep zu verdanken. Sie gönnt sich manchen derben Spaß, und genießt es sichtlich, einmal die Fifth-Avenue-Uniform abzulegen und in einem Jeans-Overall herumzulaufen.

Aber sie nimmt ihre Rolle ernst und wagt sich schließlich sogar an eine große Arie: The Winner Takes It All bekommt hier eine Emphase, die mit dem Schönklang von Abba nichts mehr zu tun hat. Mamma Mia! zeigt Mut zur Peinlichkeit - vielleicht ist das die einzige Möglichkeit, die Perfektion der Hits nicht einfach ins Endlose zu multiplizieren.

Aus der allgemeinen Heiterkeit ertönt die Wohlfühlbotschaft dieser Veranstaltung: Nicht alle sind Chiquitita, aber alle - ob Mann, ob Frau, ob "young and sweet and only seventeen" oder fortgeschrittenen Alters und schon rund um die Hüfte - sind Dancing Queen. Wer's glauben mag, wird Mamma Mia! lieben. (Bert Rebhandl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.7.2008)

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