"Starmania"-Erfinder Mischa Zickler im STANDARD-Interview: "Das Gefühl, es wird nicht zur Quälerei"

21. Februar 2003, 23:14
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Über Notare, Haftelmacher und legale Serienanrufer

STANDARD: Wissen Sie schon, wer gewinnt?
Mischa Zickler: Nein.

STANDARD: Gibt es einen persönlichen Favoriten?
Zickler: Eigentlich nicht. Ich kann auch guten Gewissens sagen, der Gewinner ist völlig offen.

STANDARD: Aber die letzte Instanz zwischen Voting und Verkündigung des Ergebnisses heißt Mischa Zickler.
Zickler: Im fünften Stock des ORF-Zentrums sitzt mein Kollege Tobias Krause mit einem Notar. Die rufen dort das Ergebnis des Votings ab, Tobias teilt es mir telefonisch mit, und ich drücke dem Redakteur die Zettel in die Hand, der sie in die Röhren steckt.

STANDARD: Bei "Deutschland sucht den Superstar" gab es Aufregung über Manipulation.
Zickler: Das war eine ziemlich virtuelle Diskussion. Es ist dort wie hier völlig legal, oft anzurufen. Wir haben aber nicht den geringsten Hinweis, dass gesteuerte Massenabstimmungen - über Computer oder Wahlwiederholung - bei uns vorgekommen sind.

STANDARD: Diskutiert wurde auch, warum der ORF nicht die Stimmverteilung veröffentlicht.
Zickler: Das machen wir, allerdings aus dramaturgischen Gründen, erst nach Ende der letzten Sendung.

STANDARD: Gibt's denn einen so klaren Favoriten der Anrufer?
Zickler: Nein, aber das konnten wir noch nicht wissen, als wir uns dafür entschieden.

STANDARD: Was bringt die österreichische Eigenart des Friendship-Tickets - außer quälende Big-Brother-Anklänge?
Zickler: Sie haben sich nicht untereinander gequält. Keiner ist irgendjemandem gram in dieser Gruppe. Die Belastung, viele Lieder gut singen zu müssen, ist erheblich höher. Das Ticket war jener Punkt, wo die meisten Leute zugesehen haben. Das ist im Unterhaltungsfernsehen natürlich ein Kriterium. Allerdings gibt es in den letzten Runden kein Ticket mehr. Es kann nicht sein, dass sich zwei überlegen, wen sie den gerne als Dritten im Finale hätten.

STANDARD: Man hat nicht immer den Eindruck, dass Universal-Chef Bogdan Roscic mit jeder Friendship-Entscheidung glücklich war.
Zickler: Eine Zielgruppe für eine Musiksendung im Fernsehen ist erheblich größer als jene, die dann die CDs kaufen. Das heißt, dass die Entscheidungen hier vielleicht nicht exakt so fallen, wie Bogdan Rosic das vielleicht gerne hätten, aber das ist ja auch das Schöne an der Sendung.

STANDARD: Kennen Sie Roscic' Favoriten?
Zickler: Ich glaube ja, möchte meine Vermutung aber nicht sagen. Der Notar passt im Übrigen auf wie ein Haftelmacher, dass das Ergebnis mit dem der Abstimmung übereinstimmt.

STANDARD: Kollegen haben den ORF kritisiert, nicht so auf die Tube zu drücken wie RTL mit Heulkrämpfen etc.
Zickler: Angesichts von zuletzt 71 Prozent Marktanteil bei Zwölf- bis 49-Jährigen kann man nicht direkt zum Schluss kommen, dass da alles ganz falsch gelaufen ist. Es ist uns nicht daran gelegen, dass das zur unerträglichen psychischen Anspannung für Kandidaten wird. Die ist nicht Teil unseres Formates, es geht um einen Musikwettbewerb.

STANDARD: In Österreich ist der Pool potenzieller Stars kleiner als in Deutschland.
Zickler: Wir haben ausreichend Leute gefunden, wo man das Gefühl hat, deren Gesang kann das Fernsehpublikum erfreuen, und es wird nicht zur Quälerei.

STANDARD: Versprochen war, sich nicht über Castingteilnehmer lustig zu machen.
Zickler: Wo uns Leute ersucht haben, das Material nicht für "Leider nein"-Zuspielungen zu verwenden, haben wir das auch nicht getan.

STANDARD: Programmdirektor Reinhard Scolik wünscht sich "Starmania II" 2003 und diesen Herbst einen ähnlich mobilisierenden TV-Event.
Zickler: Ich persönlich muss erst einmal "Starmania" hinter mich bringen, bevor ich mich zu anderen Eventprogrammen äußern kann.

STANDARD: Ursprünglich hieß es, "Starmania" ist nur finanzierbar mit Product-Placement, Sponsoren. Nun verzichtet der ORF als Zeichen des guten Willens an Mitbewerber. Kann man sich "Starmania II" u. Ä. dann noch leisten?
Zickler: Der Erfolg eines Formates trägt üblicherweise dazu bei, die Finanzierung einfacher zu machen.

STANDARD: RTL 2 startet wieder eine Staffel "Big Brother". Funktioniert Reality noch?
Zickler: Reality funktioniert auf vielen Fernsehmärkten der Welt seit Jahren unverändert gut. Einmal pro Jahr und nicht mit mehreren, schnell dahin geschluderten Staffeln. Das Format ist Teil des modernen Fernsehens.

STANDARD: Soll der ORF Reality noch einmal probieren?
Zickler: Formate, in denen wirkliche Menschen, nicht gecastete Schauspieler etwas tun, sind immer reizvoll.

STANDARD: Bei aller Kritik an "Taxi Orange": Gesellschaftlich relevanter, spannender als "Starmania" war das jedenfalls.
Zickler: Das liegt im Wesen des Formats. "Starmania" ist eine Musiksendung.

STANDARD: Dieser Tage hört man wieder verstärkt das Gerücht, Sie wollten den ORF verlassen - vielleicht auf dem Höhepunkt von "Starmania" kein schlechter Zeitpunkt. Vor nicht allzu langer Zeit hatten Sie ja schon ein Angebot von RTL.
Zickler: Mich irritiert, dass es zu so langweiligen Themen Gerüchte gibt.

STANDARD: Ist was dran?
Zickler: Es gibt wirklich im Moment keine konkreten Pläne, den ORF zu verlassen. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.2.2003)

Harald Fidler versicherte der führende Programmentwickler, er habe "im Moment" nicht vor, dem Küniglberg Ade zu sagen.
  • Mischa Zickler (36) werkt seit 1985 beim ORF, war erster FM4-Chef und ist seit dreieinhalb Jahren maßgebliche Kraft in der Programmentwicklung - etwa mit "Taxi Orange", "song.null.zwei" und "Starmania".
    foto: orf/leitner

    Mischa Zickler (36) werkt seit 1985 beim ORF, war erster FM4-Chef und ist seit dreieinhalb Jahren maßgebliche Kraft in der Programmentwicklung - etwa mit "Taxi Orange", "song.null.zwei" und "Starmania".

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