Wien: Kurzer NS-Prozess

19. Februar 2003, 12:03
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43 Hetzbriefe mit faschistoiden Inhalten - Angeklagter wollte provozieren

Wien - Vier Zuhörer sind gekommen - zwei Rechtspraktikanten und zwei Journalisten. Die Geschworenen sitzen bereits und rühren sich nicht. Der Präsident betritt den Saal und ärgert sich, dass niemand freiwillig aufsteht. Also sagt er: „Bitte aufstehen.“ Jetzt funktioniert es. - „Danke, setzen.“ Der Angeklagte fehlt. „Ohne ihn können wir nicht anfangen“, scherzt der Präsident. Dann wendet er sich an die Geschworenen: „Und Sie passen nur auf!“

Wie ein Wikinger

Ewald S. ist nun da. Er schaut ein bisschen wie ein Wikinger aus. Aber vielleicht nur deshalb, weil bereits bekannt ist, dass er zehn Jahre in Norwegen „untergetaucht“ war. Dort ist er ein anderer Mensch geworden, sagt sein Anwalt: „Er ist seit 1989 überhaupt nicht mehr aufgefallen.“ (Das muss ein Leben gewesen sein.)

Der Staatsanwalt wirft ihm 43 hetzerische Briefe vor. Ewald hatte sie als „Strafanzeigen“ an Behörden und Politiker gerichtet. Darin überbrachte er Botschaften wie: „Überfremdung ist Völkermord“ und „Großdeutschland ist unsere Zukunft“. Das tut ihm heute schrecklich Leid.

Beweisverfahren beginnt

Nun beginnt das Beweisverfahren. Es ist das kürzeste seit der Erfindung des selbigen. Der Präsident des Straflandesgerichts hat nur eine einzige Frage: „Was war eigentlich der Anlass dafür, global gesehen?“ Ewald erwidert: „Ich wollte provozieren.“ Der Kläger erlaubt sich eine Zusatzfrage: „Waren das Aktionen mit Gesinnungsfreunden?“ - Ja, darum ging es eigentlich. „Das waren damals die Einzigen, die sich um mich gekümmert haben“, sagt Ewald. Das war auch schon sein Schlusswort. „Gehen S’ in Ihr Zimmer“, bittet der Präsident die Geschworenen.

Inzwischen trifft der Gerichtspsychiater ein. „Und, ist das schon fertig?“, fragt er den Staatsanwalt. Dieser nickt. Ewald wird nach dem Verbotsgesetz zu einem Jahr bedingt verurteilt. (Daniel Glattauer/DER STANDARD, Printausgabe, 19.2.2003)

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