"Wahnsinnig verliebt": Planspiel mit Vertrauensfragen

23. Juli 2004, 14:37
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Eine Liebesdrama wird beim erneuten Sehen zum paranoiden Thriller: Audrey Tautou in Laetitia Colombanis "Wahnsinnig verliebt"

Wien - Eine ganz gewöhnliche Geschichte: Die junge Kunststudentin Angélique (Audrey Tautou) hat ein Verhältnis mit dem verheirateten Arzt Loïc (Samuel Le Bihan). Anfangs scheint alles ganz harmonisch, allmählich schleichen sich Irritationen ein. Loïcs Versprechungen, sich von seiner Frau zu trennen, werden nicht eingelöst. Er beginnt, seine junge Geliebte zu versetzen, lässt sich am Telefon verleugnen, bewirkt mit seiner anhaltenden Zurückweisung schließlich ihren nervlichen Zusammenbruch.

Die Geschichte geht zu Ende. Die Geschichte beginnt noch einmal neu. Der Film nimmt nun eine andere Perspektive ein und dadurch erhält alles, was man bis dahin gesehen hat, retrospektiv eine andere Bedeutung. Das Beziehungsdrama wendet sich nach und nach zum paranoiden Thriller. Irgendwann steht dann Loïc unter Mordverdacht und vor den Trümmern seiner Existenz.

Die französische Regisseurin Laetitia Colombani macht sich für ihr Spielfilmdebüt Wahnsinnig verliebt / À la folie ... pas du tout zum einen das Prinzip filmischen Erzählens zunutze, das immer mit diskreten Auslassungen - Schnitten, Bildausschnitten - operiert: Die zweite Version des Geschehens führt gewissermaßen ins Off der ersten, auf deren zunächst ausgeblendete andere Seite.

Zum anderen setzt Colombani, von der auch das Drehbuch stammt, auf die Tatsache, dass die Figuren und ihre Aussagen grundsätzlich ja glaubwürdig wirken, und dass man im Kino nicht automatisch davon ausgeht, belogen zu werden, zumal wenn scheinbar nichts darauf hindeutet.

Das filmische Planspiel erweist sich nach dem ersten Überraschungseffekt jedoch schnell als vordergründig. Die Geschichte - die Chronik eines "Liebeswahns" und seiner Folgen - und die Figuren bleiben konstruiert und überdeterminiert, und lösen sich nicht vom gefälligen Schick der Bilder.

Imagewechsel

Hauptdarstellerin Audrey Tautou, französischer Jungstar, machte vor zwei Jahren als grundgütige Amélie Poulain international Furore - zuvor hatte sie neben Wahnsinnig verliebt-Kostar Samuel Le Bihan bereits in Vénus Beauté von Tonie Marshall eine vergleichbare Rolle gespielt.

Mit Wahnsinnig verliebt - und demnächst auch als illegale türkische Immigrantin in Stephen Frears Thriller Dirty Pretty Things - soll nun offenbar demonstriert werden, dass Tautou imstande ist, auch ein breiteres Rollenspektrum abzudecken. Was hier nicht unbedingt angezweifelt werden soll - nur müssen die entsprechenden Drehbücher wohl erst noch gefunden werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2003)

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    foto: filmladen
  • Samuel Le Bihan als Loïc, mit  Isabelle Carre als Gattin Rachel
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    Samuel Le Bihan als Loïc, mit Isabelle Carre als Gattin Rachel

  • Sophie Guillemin als Vertaute von Audrey Tautous Angélique
    foto: filmladen

    Sophie Guillemin als Vertaute von Audrey Tautous Angélique

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