Angst vor der Selbstständigkeit

16. September 2003, 17:45
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Der US-Politikexperte Barry R. Posen beobachtet in Brüssel die Europäer in der Praxis

Seit vergangenem Herbst studiert Barry R. Posen sein "Objekt der Begierde" hautnah. Der renommierte Politikwissenschafter und Experte für Verteidigungsfragen am MIT ist für ein Studienjahr in die EU-Hauptstadt Brüssel gekommen, um das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union sozusagen von der anderen Seite zu betrachten. In den USA befasst sich Posen seit Jahren mit den transatlantischen Beziehungen.

Diese bezeichnet Posen in unserem Gespräch als "ganz gut, wenn man die Belastungen bedenkt". So habe etwa der Hohe Beauftragte für die Außenpolitik der EU, Javier Solana, eine gute Beziehung mit den Leuten in Washington. Zwischen der EU und der Nato sei sauber über Berlin plus (eine Vereinbarung, die es der EU erlaubt, bei eigenen militärischen Operationen auf Einrichtungen und Kapazitäten der atlantischen Allianz zurückzugreifen) verhandelt worden.

Seinen grundsätzlich positiven Befund schränkt der Experte jedoch sogleich ein: "Es ist offensichtlich, dass die beiden wichtigsten Mitgliedsstaaten der EU, Frankreich und besonders Deutschland, nicht die besten Beziehungen zu den USA haben." Großbritannien aber bekanntlich sehr wohl. was nur zeige, dass man die Frage nach dem Verhältnis USA/Europa nicht einheitlich beantworten könne - und wahrscheinlich nicht erst seit der gegenwärtigen Krise.

Posen stimmt der häufig geäußerten These zu, dass in den USA Entscheidungsprozesse der Europäer oft als zu kompliziert und von nationalen Prioritäten gehemmt empfunden werden. "Einige in den USA sind der Ansicht, dass die EU eine seltsame Einrichtung ist. Es ist für sie schwer zu verstehen, dass die EU nicht die Nato ist. Der Nato vertrauen die Vereinigten Staaten, weil sie drinnen sind." Bei der EU insgesamt sei hingegen oft keine gemeinsame Haltung zu erkennen, was naturgemäß die Zusammenarbeit schwierig mache.

Seit dem Ende des Kalten Krieges drifte man auseinander. Die Machtposition der USA in der Welt sei weiter gewachsen, und die Amerikaner hätten kein ausgeprägtes Bewusstsein dafür hätten, dass man Alliierte brauche: "Das ist das typische post cold war feeling." Die Europäer wiederum seien seit dem Ende des Kalten Kriegs nicht mehr ängstlich und fragten sich daher täglich: "Wozu brauchen wir die Vereinigten Staaten wirklich?"

Für kurze Zeit nach dem Terror des 11. September hätten viele in den USA und in der EU an ein Ende des Unilateralismus geglaubt. "Ich habe auch dazu gehört", sagt Posen. Doch alle seien enttäuscht worden, denn bald sei das Machtbewusstsein der USA mit einer noch größeren Entschlossenheit gekoppelt worden. "Wir haben Macht und sind entschlossen, sie zu halten", zitiert Posen Washingtons Antwort auf die relevanten Fragen heute.

Nicht um den Terrorismus zu besiegen, sondern zur Sicherung des internationale Machtgefüges werde daher nun Krieg geführt, betont Posen, der vor kurzem gemeinsam mit Wissenschaftskollegen eines der viel diskutierten Inserate gegen den Irakkrieg in der New York Times unterzeichnet hat.

In Europa wiederum stellt Posen eine "kollektive Selbstzufriedenheit und gleichzeitig kollektive Selbstzweifel" fest. Das könne man gut an Hand der Diskussion über die (nicht existierende) gemeinsame europäische Außenpolitik sehen.

Die Ursachen dafür liegen für Posen tief. "Europa hat Angst davor, allein zu sein. Europa hat Angst vor der Selbstständigkeit." Dies nicht, weil man sich von außen bedroht fühle. "Die Europäer haben vielmehr Angst voreinander und wollen, dass die Amerikaner the big dog sein sollen - was die Amerikaner nicht für alle Zeiten sein wollen." Zwangsläufig, so der Politikwissenschafter, werde daher die Kluft zwischen den USA und Europa weiter wachsen.

Posen ist darüber, so scheint es, durchaus froh, falls die Entwicklung zu einer erwachsenen Selbständigkeit der Europäer führt. Denn der Unilateralismus ist für ihn auf Dauer kein Konzept, um die Welt im Gleichgewicht zu halten. Wie lange Europa allerdings braucht, um sich von den USA zu emanzipieren, wagt nicht einmal der profunde Transatlantiker zu prognostizieren. (ALBUM/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. Februar 2003)

Von Katharina Krawagna-Pfeifer
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