Und weg damit!

20. Februar 2003, 13:13
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Der Tischmistkübel gibt vor, praktisch zu sein. Aber das tun Autobahnen auch.

Es gibt da ein paar so stilistische Ausgeburten, die können offenbar nur im klimatischen und soziologischen Umfeld österreichischer Wintersportorte existieren. Zum Beispiel die eigenartigen Daunen-Kapperln, die zwar namentlich vorgeben, von einem Graf aus Florenz zu stammen, dort aber tatsächlich niemals aufgesetzt werden würden (wobei, so sicher kann man sich da auch nicht mehr sein, aber egal ...). Eine weitere Erfindung, die einen vor allem olfaktorisch sofort den österreichischen Wintersportort ins Gedächtnis ruft, ist der so genannte Schistall mit diesen hervorragenden Schischuh-Wärmern. Hat man diesen Duft nur einmal erschnuppert, vergisst man ihn nie wieder, Aroma-Trauma nennt man das, glaube ich. Na und dann ist da natürlich der wunderbare und in seiner praktischen Herrlichkeit unerreichte Tischmistkübel.

Der Mistkübel am Tische leistet gute Arbeit, denn: Er dient als Werbefläche, der eine gewisse Aufmerksamkeit der willenlosen Morgenmenschen einfach garantiert ­ dem, was der Tischmistkübel sagt, ist man unentrinnbar ausgeliefert; weiters steigert er den Konsum, weil er Platz am Tische schafft, und Konsum wiederum bedeutet Wirtschaftswachstum und Bruttosozialprodukt und Sicherung der Pensionen und einen Platz im Himmel, wie man ja weiß. Nicht zu vergessen, dass auch ein hygienischer Aspekt nicht außer Acht gelassen werden darf, bis hin zur Einsparung von umweltschädlichen Waschmitteln, weil die lieben Kinder nicht so mit den Fingern in der Nutella rumfahren können, wenn man sie ihnen nach erfolgtem Brotaufstrich sofort entzieht und dem TMK verantwortet. Mit einem Wort, der TMK sorgt für Ruhe und Ordnung.

Andererseits sorgt er aber auch dafür, dass wir uns die Butter nicht mehr vom ganzen Stück nehmen, sondern nur mehr diese ungustiösen Mini-Butterwürferln, die in Eiswasser schwimmen und nie mehr im Leben weich werden. Eh wurscht, hauen wir¹s halt in den Mistkübel, der da steht. Marmelademäßig wird auch nur mehr zur praktischerweise im Plastik-Tigerl verpackten Plastik-Konfitüre gegriffen, letztendlich viel hygienischer, und zack, weg damit. Teesackerl, Zuckerwürfel, weg mit dem Murrer, in den Tisch-Orkus, heißa, macht das Leben Spaß. Der TMK ist der Inbegriff der Wegwerfgesellschaft, finde ich. Außerdem fördert er Globalisierung und den Verlust der Beziehung zum Nahrungsmittel. Und außerdem möchte ich noch anbringen, dass mir Benutzer von Tisch-Staubsaugern auch nicht ganz geheuer sind. Denn wo gefrühstückt wird, fliegen Brösel. Und dies zu leugnen, führt zu Essstörungen und Panikattacken.

Von Florian Holzer
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    foto: typemuseum
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