Ein Herz für US-Deserteure

18. Februar 2003, 11:00
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Der deutsche Literaturwissenschafter Walter Jens öffnet sein Haus

Berlin - Der deutsche Literaturwissenschafter Walter Jens würde bei einem Irak-Krieg wie schon beim letzten Golfkrieg 1991 wieder desertierte US-Soldaten bei sich aufnehmen. "Gewehre links, Gewehre rechts, das Christkind in der Mitten - selbstverständlich würden meine Frau und ich wieder so handeln, wenn Menschen in Not sind", sagte Jens. Das Ehepaar hatte damals zwei US-Gefreite zwei Wochen lang in seiner Wohnung vor dem Zugriff der amerikanischen Militärpolizei versteckt.

"Zu jungen Menschen, die unsere Kinder sein könnten, zu sagen: 'We can't help you' und gleichzeitig am Sonntag über Barmherzigkeit schöne Worte über die Herberge, in der kein Platz war, zu hören - doch nicht mit uns, ein bisschen Konsequenz müssen wir haben, immer aufblickend zu unseren drei Berliner Meistern, der Dreierbande Kurt Scharf, Helmut Gollwitzer und Heinrich Albertz."

"Arroganz der Macht"

Gespenstisch nannte es der Ehrenpräsident der Berliner Akademie der Künste, der am 8. März 80 Jahre alt wird, dass im Irak-Konflikt "eine einzige Macht tun und lassen kann, was sie will dank ihrer ökonomischen und militärischen Stärke". Jens warnte aber davor, ganz allgemein von Anti-Amerikanismus zu reden. Es gebe das Amerika mit der "Arroganz der Macht", der Öl-Connection und das Amerika des Abraham Lincoln und Martin Luther King.

"Es ist kein Anti-Amerikanismus, wenn wenn wir uns weigern, in sklavischer Haltung vor der bestehenden Macht den Rücken zu beugen, was die Amerikaner im Übrigen selber am allerwenigsten schätzen, diese blinde Gefolgstreue nach dem Motto 'Ihr seid die Mächtigen und wir liegen im Staube'", betonte Jens. Den US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld nannte Jens "verschlagen und töricht", wenn er abfällig vom "alten Europa" spreche.

"Er hat den Begriff im Sinne der Vereinigung von Christentum und Antike gar nicht verstanden. Er hat die Länder im Ostblock im Auge, die zur Europäischen Union neu hinzukommen, das sind für ihn die Guten, und die alten Meister, von denen Amerika im Laufe der Geschichte einiges gelernt hat, die sind jetzt antiamerikanisch. Aber ohne die Französische Revolution, ohne das alte Europa gäbe es auch kein liberales Amerika. Also, ein bisschen Nachhilfeunterricht für Herrn Rumsfeld ist wohl angebracht."

(APA)

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