Kopf des Tages: Ganz ohne Ellenbogen

17. Februar 2003, 19:39
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Gertrude Tumpel-Gugerell ist auf dem Weg nach Frankfurt

Wer Gertrude Tumpel-Gugerell zum ersten Mal begegnet, ist überrascht: Interesse am Gegenüber, Feinfühligkeit und ein schon fast sanftes Auftreten sind nicht unbedingt die Eigenschaften, die Spitzenbankern allgemein zugeschrieben werden.

So betonen Weggefährten, frühere Vorgesetzte und Kollegen vor allem die Tatsache, dass sie ihre Karriere "ohne die üblichen Ellenbogen" gemeistert hat. Und eine Bezeichnung, die auffällig oft fällt: Sie sei "irrsinnig gescheit". Die Regierung hat Tumpel-Gugerell nun zur Kandidatin Österreichs für das sechsköpfige Direktorium in der Europäischen Zentralbank nominiert - vorläufiger Höhepunkt einer Karriere, die in St. Pölten begann.

Die Tochter eines Großbauern wuchs mit zwei Brüdern auf und wurde dann in die Privatschule der Englischen Fräulein geschickt - ein eher konservativer Lebensweg schien vorgezeichnet, erzählen ehemalige Studienkollegen. Dann wechselte sie nach Wien an die Universität und kam mit der 68er-Bewegung in Berührung. Irgendwie muss es dann einen ziemlichen Kurswechsel gegeben haben. Die wohl behütete Großbauerntochter aus der Privatschule schloss sich dem berühmt-berüchtigten "Roten Börsenkrach" an, einer eher links angesiedelten Studentenzeitung- und Bewegung, der auch der "rote Willi" Hemetsberger angehörte. Die roten Ideale schützten vor Karriere nicht, Hemetsberger ist heute Vorstand der Bank Austria.

In dieser Zeit lernte Tumpel-Gugerell auch ihren Mann, den heutigen Chef der Arbeiterkammer, Herbert Tumpel, kennen. Nach dem Studium wechselte Tumpel-Gugerell in die volkswirtschaftliche Abteilung der Nationalbank und wurde wenig später karenziert, um in das Finanzministerium zu wechseln und Finanzminister Herbert Salcher wirtschaftspolitisch zu beraten. "Sie machte Karriere, ohne irgendwo anzuecken oder sich Feinde zu schaffen - sie war irgendwie unauffällig, aber sehr effizient und kompetent", meint ein Kollege aus dem Ministerium.

Nach dem Abschied Salchers ging sie zurück in die Nationalbank und war nacheinander für die Bereiche Volkswirtschaft, Innenrevision sowie Unternehmensplanung und Controlling zuständig. In der hierarchiebewussten Nationalbank gilt Tumpel-Gugerell als sehr beliebt, weil sie mit allen Mitarbeitern einen "sehr offenen und freundschaftlichen Umgang" pflegt, beschreibt es ein Mitarbeiter.

Kritik an ihr ist nur sehr leise zu hören: "Es ist oft nicht leicht, herauszufinden, was sie wirklich will. Manchmal habe ich den Eindruck, sie wartet zu lange ab und ist ein wenig zögerlich", sagt ein ehemaliger Vorgesetzter. Für die Europäische Zentralbank in Frankfurt sei sie aber, so meinen Spitzenbanker, eine ausgezeichnete Wahl. (Michael Moravec , DER STANDARD Print-Ausgabe, 18.2.2003)

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