Tod eines Dichters

18. Februar 2003, 18:50
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18.2.2003 - Der ORF rühmt sich seiner Kultur und vergisst dabei auf den Tod von Aleksander Tisma

Die österreichische Nachrichtenagentur APA sendete Sonntag um 16.59 eine traurige Nachricht. Der serbische Autor Aleksandar Tisma sei im Alter von 79 Jahren in seiner Heimatstadt Novi Sad gestorben.

Mit lakonisch erzählten, dennoch ungemein erschütternden, die Schrecken des Holocaust und Zweiten Weltkriegs umkreisenden Werken wie "Der Gebrauch des Menschen", "Die Schule der Gottlosigkeit" oder "Kapo" muss er trotz relativ später Entdeckung im deutschen Raum zu einem der großen europäischen Autoren gezählt werden. Das alles konnte man gestern zumindest kurz auch in den Kulturteilen diverser Tageszeitungen nachlesen.

Was hier verwundert, ist der Umgang des ORF mit dieser Nachricht. Während man von Tismas Ableben nämlich sehr bald im ORF-Teletext auf Seite 110 erfahren konnte, herrschte in der "Zeit im Bild 1" in den Kulturnachrichten gegen 19.45 absolute Funkstille.

Sehen wir einmal davon ab, dass zum Beispiel für einen Bericht über eine Werkschau von Elke Krystufek in der Sammlung Essl heutzutage die "Seitenblicke" ausrücken müssen:

Statt Tismas Tod wenigstens zu vermelden - wie Zeitungen haben ja bekanntlich auch Fernsehnachrichten einen Redaktionsschluss -, wurde lieber ein neues Buch des verdienten Friedrich Achleitner vorgestellt. Im Vergleich zur Tagesaktualität allerdings eine eher zeitlose Angelegenheit.

Angesichts des dauernden Eigenlobs des ORF bezüglich seiner Kultur eine dürftige Leistung für zweidreiviertel Stunden Zeit. (schach/DER STANDARD, Printausgabe vom 18.2.2003)

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