Freiheit für Kurt Weill!

19. Februar 2003, 15:49
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Ricky May widmet dem Ehepaar Kurt Weill und Lotte Lenya ein Soloprogramm: "Weill ohne Brecht" im Theater Drachengasse

Er wolle sich nicht mit einem derartigen Richard-Strauss-Verschnitt abbilden lassen, äußerte Bert Brecht anlässlich eines Fototermins einmal über seinen Dreigroschenoper-Komponisten Kurt Weill. Und auch sonst zeichnet Ricky May beim Soloprogramm Weill ohne Brecht den Augsburger Dichter als arrogantes Ekel, das seine Umgebung stets unter seiner Fuchtel sehen wollte. Grund genug also, Kurt Weill aus der sich auch im Quasi-Doppelnamen manifestierenden Umklammerung Brechts zu lösen - und ihn aus anderer Perspektive zu porträtieren: der seiner ihm zweifach angetrauten Ehefrau Lotte Lenya.

Von der ersten Begegnung 1924, von der Zeit der großen Bühnenerfolge über die Zeit in Paris und London bis zur Emigration und Weills Etablierung am Broadway wird hier eine ereignisreiche Vita in Szene gesetzt. Brecht bekommt auch später noch einmal sein Fett ab, erscheint er doch dem Ehepaar Weill/Lenya, im Herzen längst amerikanisiert, wie ein versponnener Marx-Bourgeois. Es sind subjektiv gefärbte Ausbrüche, in denen Ricky Mays zweifellos ambitioniertes Soloprogramm "Weill ohne Brecht" Charme und frisch-freche Kontur gewinnt: Salz in der Suppe einer Szene- und Liederfolge, in der sich die Darstellerin allzu oft darauf beschränkt, die Biografie des Komponisten zu referieren, anstatt sie zu interpretieren.

Auch die Gesangseinlagen (mit Pianist Thomas Bartosch als tadellosem Begleiter), in denen naturgemäß der "amerikanische" Weill zwischen Speak Low und September Song zum Zug kommt, füllen wegen Unsicherheiten in Intonation und Phrasierung die Lücken in der Spannungskurve nicht. Aus dieser Idee hätte sich zweifellos mehr herausholen lassen. (felb/DER STANDARD, Printausgabe, 18.2.2003)

Bis 22. 2. Theater Drachengasse, 1., Fleischmarkt 22, Karten und Info: (01) 513 14 44. 20.00
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    foto: european grouptheater
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