Skinheads auf die Kegelbahn!

20. Februar 2003, 21:35
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Die alten College-Rock-Helden Camper Van Beethoven gastierten in München

München - Ein paar Dinge haben sich verändert. David Lowery trägt heute eine Brille, Greg Lisher hat sich punkto Stattlichkeit etwa verdoppelt, und neben traditionellen Instrumenten kommen heute Laptops zum Einsatz, um der bekannten Verschrobenheit der Band auch 2003 noch gerecht zu werden. Ansonsten ist alles besser geblieben:

Camper Van Beethoven, eine der bedeutendsten Independent-Bands der 80er-Jahre, präsentierte sich am Sonntag in der Münchner Muffathalle nach kleinen Startschwierigkeiten in bester Spiellaune. Die Band mit dem seltsamen Namen formierte sich 1985 in Santa Cruz, Kalifornien. Während der US-Hardcore den Weg für Grunge bereitete, fielen Camper Van Beethoven mit dadaistisch-subversivem Humor und ihrem Mix aus Rock, Folk, Country, Ska aus der Rolle und galten als durchgeknallte College-Band. Genau dort fanden sie ihr Publikum und wurden bald als ziemlich bekannter "Geheimtipp" gehandelt.

Politisch korrekte Slacker-Hymnen wie der Michael Moores Film Bowling For Columbine eröffnende Song Take The Skinheads Bowling entstanden in dieser Zeit. Mit dem Album III (1986) wurde klar, dass alles bis dahin Veröffentlichte Rohdiamantenstatus besaß und der Feinschliff erst beginnen sollte.

Neben windschiefen Manifesten wie Joe Stalin's Cadillac schimmerte in Songs wie Good Guys & Bad Guys bereits jene Größe durch, die die letzten beiden Alben der Band auszeichnete: Our Beloved Revolutionary Sweetheart und Key Lime Pie brillierten mit exzellentem Songwriting und stilistischer Vielfalt. 1990 zerrissen jedoch interne Zwiste die Band. Daraufhin räumte Lowery mit der Band Cracker und dem Hit Low gewaltig ab, während die restlichen Mitglieder als Monks Of Doom ins Obskure verschwanden.

Anlässlich der Veröffentlichung der CD-Box Cigarettes & Carrot Juice - The Santa Cruz Years und des Fleetwood-Mac-Coveralbums Tusk befindet sich die Band nun in Originalbesetzung und einem zweistündigen Best-of-Programm auf Reuniontour. Entgegen mancher Befürchtungen verkam die Darbietung nicht zur Nostalgieshow. Songs wie das kraftvolle The Eye Of Fatima oder Turquoise Jewellery haben nichts von ihrer Magie verloren, und die fünf Herren infizierten sich daran vergnüglich.

Neben druckvollen Ausflügen ins Frühwerk, etwa zu Black Flags Wasted, zur Miniatur Shut Us Down oder der Russendisco-Wuchtel Waka, bestachen Lowery und Co. mit den Songs ihrer letzten beiden Alben. Borderline, ein mit wehmütig gespielter Steel-Guitar dargebotener Song und einer der überzeugendsten Einträge der Band ins "American Songbook", wurde sogar zu einem politischen Statement. Entstanden zu einer Zeit, als man wohl dachte, schlimmer könnte es nicht mehr werden, bekam darin Ronald Reagan sein Fett ab.

Heute mit George W. Bush "gesegnet", rief man aus dem Laptop "Bomb Texas!"-Samples ab, um das Zielgebiet jedoch gleich auf eine einzige Ranch einzugrenzen. Es folgte Take The Skinheads Bowling, und in der allgemeinen Euphorie keimte eine Hoffnung: dass aus diesem grandiosen Zusammenspiel neue Werke entstehen könnten. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.2.2003)

Von Karl Fluch
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    foto: hoanzl
  • Nach 13 Jahren wieder vereint, begeisterten die kalifornischen Camper Van Beethoven live in München.
    foto: hoanzl

    Nach 13 Jahren wieder vereint, begeisterten die kalifornischen Camper Van Beethoven live in München.

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