Warum ich nicht zum Friedensgebet gegangen bin

17. Februar 2003, 17:32
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Protestantischer Anti-Protest-Protest: mit der Bibel und Karl Kraus gegen die "No War"- Demonstranten im Allgemeinen und die Haltung mancher Kirchengremien im Besonderen - ein Kommentar der anderen von Ulrich H. J. Körtner

Auch ich bete für den Frieden im Nahen Osten - und gerade deshalb habe ich nicht am öffentlichen Friedensgebet teilgenommen, zu dem der Ökumenische Rat der Kirchen am 15. Februar in den Stephansdom eingeladen hatte. Eine internationale konfessionsübergreifende Koalition von Kirchen lehnt jede Anwendung von Gewalt gegen den Irak ab. Krieg, so lautet ihr beschwörender Appell, dürfe nach Gottes Willen nicht sein. Schon gar nicht lasse sich ein Präventivkrieg ethisch rechtfertigen.

Pure Heuchelei

In der Bergpredigt, die ja von der Friedensbewegung gern zitiert wird, lesen wir das Wort Jesu: "Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden ... Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließe die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist" (Matthäus 6,5-6).

Wer das öffentliche Gebet als Mittel der politischen Demonstration einsetzt, sollte die politischen Folgen seines Tuns bedenken. Die Kirchen verwahren sich gegen den Vorwurf, wer gegen den geplanten Krieg und alle Kriegsvorbereitungen sei, sei deshalb für den Diktator und Massenmörder Saddam Hussein und seine Gewaltherrschaft. Das ist im Prinzip richtig - und dennoch: Faktisch haben sich die Kirchen mit ihrer öffentlichen Friedensdemonstration in die Reihe jener gestellt, welche einerseits den Druck auf das Regime in Bagdad durch Spaltung der westlichen Welt schwächen und damit andererseits den baldigen Ausbruch eines Krieges wahrscheinlicher machen. Um noch einmal die Bibel zu zitieren: "Die Wahrheit wird euch frei machen", sagt Jesus der Überlieferung nach in Johannes 8,32. Es wäre gerade die Aufgabe der Kirchen, in der Irakfrage für Wahrhaftigkeit auf allen Seiten einzutreten - und dabei mit gutem Beispiel voranzugehen.

Die gegenwärtige Lage im Nahen Osten als Frieden zu bezeichnen, den es zu bewahren gelte, ist gelinde gesagt ein Euphemismus. Zu beteuern, man wolle einen Krieg verhindern, ist pure Heuchelei, wo doch die Flugverbotszonen im Norden und Süden des Irak seit dem zweiten Golfkrieg mit militärischer Gewalt erzwungen werden. Die drakonischen Sanktionen, die die UNO gegen die Irak verhängt haben, töten seit Jahren Menschen. Die Opfer allein dem halsstarrigen Diktator in Bagdad anzulasten ist heuchlerisch. Die Sanktionen sind doch nichts anderes als die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Wer wollte da behaupten, der Krieg sei heutzutage nicht mehr die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln?

Wahr ist aber auch, dass diejenigen, die jetzt gegen Saddam rüsten, dieselben sind, die ihn vor Jahren aufgerüstet haben. Das ist jedoch kein Argument gegen eine harte Haltung gegenüber dem irakischen Regime.

Kirchenführer aus Europa, den USA und dem Mittleren Osten haben in ihrer Berliner Erklärung vom 5. Februar festgestellt, den Menschen müsse "die Hoffnung gegeben werden, dass es Alternativen sowohl zur Diktatur als zu Krieg gibt". Noch seien nicht alle diplomatischen Mittel ausgeschöpft. In Anbetracht der politischen Verhältnisse im Irak und in Anbetracht der UN-Sanktionen halte ich solche Aussagen für reichlich zynisch. Und worin könnte denn die Alternative bestehen, wenn nicht im erzwungenen Rücktritt des Diktators oder seiner gewaltsamen Entmachtung bis hin zum Tyrannenmord? Immerhin hat Dietrich Bonhoeffer, einer der Märtyrer der evangelischen Kirche im 20. Jahrhundert, sein Leben verloren, weil er an der Verschwörung hochrangiger Militärs gegen Hitler und an den Vorbereitungen auf das fehlgeschlagene Attentat vom 20. Juli 1944 beteiligt war.

Offene Frage

Wenn die Kirchen derartiges meinen, sollten sie auch den Mut haben, das zu sagen. Vor allem schwindeln sich die Kirchen um eine schlichte Tatsache herum, die immerhin in einer Stellungnahme des Zentralrat der Katholiken in Deutschland angesprochen wurde: Ohne den Aufbau einer militärischen Drohkulisse wäre Saddam Hussein nicht einmal zu den derzeit laufenden Waffeninspektionen bereit gewesen. "Mit vollem Recht", so der Zentralrat der Katholiken, "haben daher die Vereinten Nationen scharfe politische Maßnahmen zur Eindämmung der Kriegsgefahr ergriffen und der irakischen Führung damit gedroht, notfalls militärische Mittel zu Einsatz zu bringen."

Auch wenn die deutschen Katholiken derzeit einen Militäreinsatz nicht für gerechtfertigt halten, räumen sie doch ein, dass eine friedliche Lösung nur dann eine Chance hat, wenn "die glaubhafte Bereitschaft zum militärischen Handeln unmissverständlich erkennbar" bleibt.

Ethisch fragwürdig ist zudem auch die Art und Weise, wie sich die Kriegsgegner auf die UN und das Völkerrecht berufen. Der UN-Sicherheitsrat ist kein Höchstgericht, sondern ein politisches Gremium, das je nach Interessenlage seiner Mitglieder agiert. Die angemessene Lösung für den Irakkonflikt findet sich nicht im Lehrbuch des Völkerrechts. Daher bleibt die Frage, die sich schon im Kosovo-Konflikt stellte: Was tun, wenn der UN-Sicherheitsrat nichts tut?

Darauf haben die Kirchen bisher keine überzeugende Antwort gegeben. Darum noch zum Schluss ein Zitat, diesmal nicht aus der Bibel, sondern von Karl Kraus: Wer etwas zu sagen hat, der trete vor und schweige. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.2.2003)

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    Ulrich H. J. Körtner ist Vorstand des Instituts für Systematische Theologie an der Uni Wien

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