Menasse: Krieg gegen Irak sei "besonders sinnlos"

17. Februar 2003, 15:57
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Irak-Konflikt war bei einer Podiumsdiskussion im Wiener Volkstheater zu Europa sehr präsent

Wien - Der Schriftsteller Robert Menasse hat den seitens der USA "völlig öffentlich" geplanten Krieg gegen den Irak als "besonders sinnlos" bezeichnet. "Die am Samstag abgehaltenen Friedensdemonstrationen gegen einen Irak-Krieg hätten jedoch gezeigt, dass sich die Supermacht bei jedem künftig geplanten Krieg die Frage stellen wird müssen, wie Europa reagieren werde", erklärte Menasse am Sonntagabend bei einer von der Grünen Bildungswerkstätte veranstalteten Europa-Podiumsdiskussion im Wiener Volkstheater. Die Parameter würden nicht mehr stimmen. "Europa ist kein Nachzügler mehr gegenüber den USA." Europa ist avancierter und die Avantgarde habe historisch gesehen immer gewonnen.

Krzeminski: "Überraschend provinzielle" Politiker in Polen

Der polnische Schriftsteller Adam Krzeminski erklärte, in Polen würden sich derzeit Politiker an der Macht befinden, die zwar einige Sprachen beherrschten und Westeuropa gut kennen, jedoch "überraschend provinziell" seien. Dabei würde die europäische Komponente auf der Strecke bleiben. Aufgrund pragmatischer Überlegung würde Warschau in der Irak-Frage den Partner jenseits des Atlantiks hochhalten und die "mentale Nähe" zu Deutschland und Frankreich ignorieren. "Die Entwicklungen der zwei, drei vergangenen Wochen haben Verstimmungen zwischen Polen und Deutschland gebracht, die man lange wird ausbügeln müssen", erklärte Krzeminski.

Istvan: Steigende Brotpreise bei gleichbleibendem Lohn in Ungarn

Die Beitrittsstaaten sollten nicht nur von den EU-Staaten bewertet werden, sondern auch umgekehrt, forderte Menasse. "Dann würden wir von Österreich die gleichen Probleme hören wie wir heute von Polen." Wenn die FPÖ von den Billigarbeitskräften aus Osteuropa infolge der Erweiterung warne, sollte dem entgegengehalten werden, warum die Österreicher nach dem Beitritt nicht Großbritannien überrannt hätten, obwohl dort das Lohnniveau höher sei. "Es genügt ein bisschen Karl Heinz Grasser, um unseren Lebensstandard zu zerstören, wir brauchen nicht dazu ungarische Billigarbeiter." Der ungarische Schriftsteller Eörsi Istvan erklärte, dass die ungarische arbeitende Bevölkerung ihrerseits die Angst habe, dass im Zuge des Beitritts die Brotpreise in Ungarn EU-Niveau erreichen, die Löhne jedoch nicht nachziehen werden.

Eörsi: Sozialstaat als Instrument gegen den Kommunismus

"Die Idee des Sozialstaates unterscheidet Europa von allen anderen Kontinenten", betonte Menasse. Der Sozialstaat sei die Konsequenz historischer Erfahrungen und die einzige sinnvolle und pragmatische Idee dieses Kontinents. Eörsi sieht den europäischen Sozialstaat als historisches Instrument gegen den Kommunismus und in dieser Konsequenz derzeit im Abbau begriffen. Der Schriftsteller Robert Schindel forderte die Verteidigung und den Ausbau der Errungenschaft des Sozialstaates.

Schindel: "gegenseitige Befruchtung"

Schindel kritisierte die Selbstgefälligkeit der EU-Staaten und insbesondere Österreichs, das glaube, "weiß Gott was für eine Erfahrung mit Demokratie" zu haben. Wien sei die Demokratie vielmehr aufgezwungen worden. "Wir sollten auch von den frischen neuen Demokratien lernen." Schindel erwarte sich ein Wechselspiel und eine "gegenseitige Befruchtung". Die EU-Abgeordnete der Grünen, Mercedes Echerer, kritisierte in diesem Zusammenhang, dass die Beitrittsländer kein Stimmrecht im EU-Konvent hätten.

Krese: Krieg in Ex-Jugoslawien hätte vielleicht verhindert werden können

Die slowenische Schriftstellerin Marusa Krese vertrat die Ansicht, der Krieg in Ex-Jugoslawien hätte vielleicht verhindert werden können, wenn die Europäer sich einig gewesen wären, die Grenzen als unantastbar zu erklären. Heute würde einzig die junge Generation in Ex-Jugoslawien wieder zusammenfinden, die ältere Generation müsse die Ereignisse der Vergangenheit noch bewältigen. (APA)

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