Valentinsdebakel

24. Februar 2003, 16:26
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M. seufzte beherzt auf. Es war Spätnachmittag und wir hatten die diversen Strauß- und Staudensendungen ...

... aus Politik- und PR-Büros relativ unbeschadet überstanden, ein paar Megabytes lustiger Spam-Blumengrußmails ungelesen gelöscht und auch in der U-Bahn den Flirtlolliverteilern Widerstand geleistet: Valentin war überstanden. Jetzt saßen M. und ich jedenfalls im Fitnesscenter und strampelten gegen Hüftpölster (halbwegs erfolgreich) und die Spuren des Erwachsenwerdens/seins (völlig sinnlos) an.

Vor uns lief - neben ein paar Shopping- und Sportkanälen - MTV: "Dismissed". Ein aufgeblasener Arrogantling wurde von zwei Jenniferlopezchristinaaguillerashakira-Klonen belagert, wie sonst bloß die Kelly-Familiy von armseligen 13-jährigen Mädchen. Hirnlos, aber egal: Andere Leute haben andere dumme Süchte. M. seufzte auf - und gab mir ein Zeichen, die Kopfhörer aus den Ohren zu nehmen.

Auf MTV räkelte sich eine Normbeauty Eins gerade dem Billardtisch. Normbeauty Zwei steckte ihre Zunge ins Ohr des Knaben. M. schaute böse: Wieso das Leben nicht so einfach wie Fernsehen sei, fragte sie anklagend. M. ist Single. Und will es nicht bleiben. M. ist in einem Alter, in dem man schon und noch wählerisch ist. Nicht zuletzt darum legt sich ins Zeug, wer bei ihr punkten will.

Sie habe, erzählte M., auch einen wirklich netten Blumengruß bekommen. Aus einer der angesagten Blumenhandlungen der Stadt (M. steht auf so was. Auch wenn sie das Gegenteil behauptet.) Ein handgeschriebenes Billet mit nettem Spruch (M. lächelt vielsagend) und Initial. Jetzt, sagte M., stecke sie ordentlich in der Scheiße. Das sei doch supernett und total lieb, verstand ich ihren Kummer nicht. Im Prinzip, gab mir M. recht, stimme das ja - aber die Anonymität der Blumen sei ein Problem. Denn die beiden Herren, die um ihre Gunst werben, hätten idente Initialen. Und wüssten - natürlich - nichts voneinander. Frau gönne sich ja sonst kaum was im Leben.

Deshalb aber, seufzte M., stehe sie jetzt vor dem Dilemma, nicht zu wissen, bei wem sie sich bedanken solle: Die Verkäuferinnen des schicken Blumenladens seien verschwiegener als die Vollversammlung aller Schweizer Bankiers. Nicht einmal den zweiten Buchstaben hätte sie aus den Damen herauskitzeln können. Nun wisse sie nicht, was tun. Später, in der Sauna, ließen wir das Los entscheiden: Der dicke Mann ging ins Dampfbad - also waren die Blumen von Kandidat Nummer Zwei. M. rief ihren Blumenhändler an.

Am nächsten Tag war M. stinksauer. Kandidat Nummer zwei sei ein Schwein. Er spiele ein doppeltes Spiel. Er habe, schnaubte M., noch eine Andere. Mindestens. Kandidat Zwei (der als Kandidat im übrigen ausgeschissen habe) habe sie nämlich angerufen, nachdem er ihren - nicht anonymen - Blumenstrauß bekommen habe. Und sich überschwänglich gedankt. Nur eines, schluchzte M, habe dieses widerliche Schwein gesagt, habe er nicht verstanden: Wieso M. ihm denn diesen zweiten Strauß geschickt habe. Der anonyme vom Vormittag, der mit der Karte und dem Dankesgedicht für die wundervolle Nacht von neulich, wäre doch schon umwerfend genug gewesen.

M. verlegte sich vom Weinen aufs Fluchen. Mir lag eine Frage auf der Zunge. Aber M. war eindeutig nicht der Stimmung, sie zu hören.

Nachlese

--> Die Mulde
--> Die Tunnel unter der Stadt
--> Flugrattenpflege
--> Telefonieren für 0 Cent
--> Spaß mit den Nachbarn
--> Drei Zentimeter
--> Noch ein Zimmer
--> Eleanor Rigby
--> Quartierschreberei revisited
--> Weitere Stadtgeschichten ...

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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