Der "Verrückte" in Pjöngjang und das hilflose Peking

19. Februar 2003, 09:48
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Pjöngjang erwägt Kündigung des Waffenstillstands von 1953

In der Marmorhalle der Märtyrer steht ein Korb mit seidenem Blumengebinde vor einer Büste von Mao Anying. Er war der Lieblingssohn Mao Tsetungs. Der 28-Jährige starb am 25. November 1950 in Nord^korea, fünf Wochen nachdem die ersten Soldaten der Volksbefreiungsarmee heimlich über den Yalu-Fluss in der Nähe Dandongs nach Nordkorea übersetzten und in den Krieg eingriffen. Mao Anying hielt sich im chinesischen Hauptquartier auf, als es von US-Kampfjets bombardiert wurde. Die Familie des zweiten, noch lebenden Sohnes Maos brachte jetzt die Blumen für ihn. "Dem geliebten Bruder" steht auf der roten Schleife.

50 Jahre nach dem Ende des Koreakrieges durch den am 27. Juli 1953 in Panmunjom vereinbarten Waffenstillstand wird die Erinnerung an den teuer erkauften Frieden in der Grenzstadt Dandung wach gehalten. 1993, zum vierzigsten Jahrestag des Abkommens, weihte Peking seine Gedenkstätte ein. Ihr 53 Meter hohes Monument erinnert an das Jahr des Kriegsendes. Zur Eröffnung des Museums kam 1993 Hu Jintao, der heutige Parteichef nach Dandong. Chinas Staatspräsident Jiang Zemin erinnerte in seiner Inschrift für das Museum an die Aufopferung der chinesischen Soldaten im Koreakrieg. Zum fünfzigsten Jahrestag des Waffenstillstandes im Juli dieses Jahres will Peking die Erweiterung des Museum mit einem nationalen Festakt würdigen.

Angedrohter Ausstieg

Mit Besuchern aus Pjöngjang wird nicht gerechnet. Nordkoreas stalinistisches Regime will weder an seine einstige Waffenbrüderschaft mit dem heute reichen, mit den USA befreundeten und mit Südkorea verbundenen China erinnert werden noch einen Waffenstillstandspakt feiern. Im Gegenteil: Pjöngjang drohte am Dienstag in seinem Atomstreit mit Washington, nun erstmals auch die mühsam errungene Vereinbarung aufs Spiel zu setzen, die ein halbes Jahrhundert den labilen Frieden auf der koreanischen Halbinsel sichern half. Ein Vertreter der Armee unterstellte den USA, Sanktionen mit Seeblockaden gegen Nordkorea zu planen, die auf eine Kriegserklärung hinauslaufen. "Wenn die USA weiter den Waffenstillstandspakt verletzen, braucht sich auch unser Land nicht mehr an ihn gebunden fühlen."

Diktator Kim Jong-il scheut sich nicht, ein Vertragswerk zu demontieren, das bis heute die einzige völkerrechtliche Basis für den Status quo im geteilten Korea geliefert hat. Nach dem Ausstieg aus dem Atomsperrvertrag, dem Wiederanfahren von AKW und der Warnung, es könnte Raketentests wieder aufnehmen, eskaliert Pjöngjang seine Drohungen. Peking, neben den USA und Nordkorea eine der drei Signaturmächte des erst nach 575 Verhandlungsrunden 1953 vereinbarten Waffenstillstandsabkommens, wurde gar nicht erst gefragt.

Hilflose Kritik

China reagierte mit hilfloser Kritik. "Alle Seiten sollten versuchen, die Dinge nicht noch mehr zu komplizieren, und eine Eskalation vermeiden", sagte eine Sprecherin des Außenministeriums. Pekings Politiker wollten zudem den Dienstag durchreisenden nordkoreanischen Außenminister Paek Nam-sun treffen.

Informierte Beobachter in Peking berichten inzwischen, dass der Einfluss ihres Landes auf Nordkorea weltweit überschätzt werde. Wie es um das Verhältnis wirklich steht, erleben auch die Mitarbeiter des Museums in Dandong. Offizielle nordkoreanischen Besucher blieben dem Museum fern. "Sie behaupten, dass China einst nur für seine Ziele gekämpft hat." Der Sieg im Koreakrieg sei nur dem großen Führer Kim Il Sung zu verdanken. China stehe daher für immer in Nordkoreas Schuld.

Mao Tsetung hatte sein Land widerstrebend in den Koreakrieg geschickt. Er konnte damit dem ihm misstrauenden Diktator Josef Stalin beweisen, dass Peking ein verlässlicher Partner für Moskau war. Mao musste aber seine Eroberungspläne Taiwans zurückstellen und Nordkoreas Kim Il Sung zu Hilfe eilen. Dessen Angriff auf Südkorea war fehlgeschlagen und hatte die USA in den Krieg hineingezogen.

Im Pekinger Internetportal Sinacom wurde die neue Drohung Nordkoreas kontrovers diskutiert. Auffallend viele warnten vor Pjöngjangs Politik: "Die wollen uns nur in einen Krieg hineinziehen!" Andere nannten Kim Jong-il einen "Verrückten" und "Hasardeur", ohne dass ihr Beitrag gelöscht wurde.

In der Dandonger Halle der Märtyrer ist der Sohn Maos nur einer von 167.564 namentlich registrierten Soldaten, die im Koreakrieg fielen. "Es waren grausame Jahre mit so vielen Opfern", berichtet ein alter Kämpfer. China zahlte mit 400.000 Toten und einer halben Million Verletzten den höchsten Blutzoll, um die Truppen der USA und Südkoreas wieder über den 38. Breitengrad zurückzudrängen. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.2.2003)

Nur Chinesen besuchen die Halle der Märtyrer in Dandong. Nordkoreaner gedenken der Beendigung des Koreakrieges nicht. Im Gegenteil: Pjöngjang erwägt, den Waffenstillstandspakt von 1953 zu kündigen. Weltweit wachsen die Zweifel, ob China seinen kommunistischen Bruderstaat noch im Griff hat.

Johnny Erling aus Dandong
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    Der nordkoreanische Diktator Kim Jong Il lässt sich von der Armee briefen.

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