Tradition der Ignoranz

21. März 2003, 14:40
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Warum Komponistinnen weitgehend unerhört sind: dieStandard.at auf Streifzug durch die Frauen-Musikgeschichte

210 österreichische Komponistinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart haben Musikwissenschafterin Gerlinde Haas und Psychologin Eva Marx in ihrem gleichnamigen Lexikon in sechsjähriger Arbeit zusammengetragen und portraitiert (siehe Kasten). Nur die wenigsten dieser Frauen und ihre Werke sind heute außerhalb der Fachkreise (noch) bekannt. Selbst jene, die früher große Erfolge feierten, kommen heute kaum mehr zur Aufführung – die Werke ihrer männlichen Kollegen hingegen lernt jedes Kind schon von klein auf im Musikunterricht kennen und spielen.

Das Los der Komponistinnen liegt zum Teil in der (Frauen-)Musikgeschichte begründet - die beginnt vor knapp einem halben Jahrtausend: Frauen war zunächst verwehrt, überhaupt zu musizieren – später dann nur zur Freude des Mannes oder im stillen Kämmerlein: „Seitens der Gesellschaft wurde die Frau über den Mann öffentlich definiert – über dessen gesellschaftliche Stellung, auf der anderen Seite fehlte den Frauen auch die Dynamik, in die Öffentlichkeit zu treten, weil sie sich ihrerseits über das Rollenverhalten ja auch wieder über den Mann definiert haben und über dessen Leistung - und weil es unschicklich war, sich nach vorne zu stellen“, schildert Eva Marx. Umso mehr in den gesellschaftlichen Kreisen, wo Frauen komponiert haben, bzw. wo sie die entsprechende musikalische Ausbildung genossen – der Adel also oder das Bildungsbürgertum.

Prinzessinnen und Nonnen als Vorläuferinnen

Die erste namentlich bekannte Komponistin war Margarete von Österreich, Tochter Kaiser Maximilians, aber auch ihrer Mutter, Maria von Burgund, wird nachgesagt, bereits Musik geschrieben zu haben. Es hat damals nämlich zur Ausbildung der Prinzessinnen gehört, zu musizieren – Komponieren gelehrt hat ihnen damals aber noch niemand, vielleicht aber Musiktheorie.
Im 17. und 18. Jahrhundert hatten dann die Nonnen eine große Bedeutung in der Frauenmusik (aus verschiedenen Ordenshäusern, z.B. bei den Dominikanerinnen, Ursulinerinnen oder Augustiner Chorfrauen). Sie gelten als die eigentlichen ersten Komponistinnen. Die Klöster haben den Vorteil, Chroniken zu führen, weshalb es dort gute Aufzeichnungen über das musikalische Treiben gibt – genaue Daten zu den einzelnen Begabungen und Fähigkeiten der Ordensmitglieder zum Beispiel sind ausführlich festgehalten.
Komponiert haben die Nonnen meist aus ihrer Praxis als Sängerinnen heraus: Viele der frühen Komponistinnen waren Sängerinnen, da es sich für eine Frau zu dieser Zeit nicht schickte, ein Instrument zu spielen – vor allem im Rahmen der Kirche und der Klöster. Nur bei den Ursulinen spielten Choristinnen und Musikerinnen zunächst auf Pauken und Trompeten, was in der Kirche dann aber auch verboten wurde. In den Empfangsräumen, etwa wenn die Kaiserin incognito gekommen ist, hat man den Besuch aber trotzdem weiterhin „mit Pauken und Trompeten“ empfangen.
Mit dem Gesang hatten die Frauen übrigens etwa ab dem 17. Jahrhundert auch die einzige Chance, an die Öffentlichkeit zu treten und Praxis zu erwerben – davor wurden alle Frauenparts von Kastraten gesungen, Musiker waren nur männlich. Einzig Hildegard von Bingen gilt da als bekannte Ausnahme. Und bis heute ist der Gesang ja eine der Musiksparten, in denen Frauen am meisten vertreten und erfolgreich sind.

Start von Italien aus

Außerhalb der Klöster treten Komponistinnen zunächst in Italien auf, verständlich aus dem Bildungsideal der italienischen Renaissance heraus, später in Frankreich (französische Barockmusik) und dann erst im deutschsprachigen Raum. In Deutschland, Berlin, beschränkt sich das zunächst nur auf die Liedkomposition, in Österreich hingegen entstehen in dieser Zeit bereits sehr viel komplexere Kompositionen aus Frauenhand: „Es war also von Anfang an eigentlich ein Klischee, dass Frauen sich nur den sogenannten kleinen musikalischen Formen widmeten“, sagt Eva Marx. „In Deutschland war das zutreffend, nicht aber in Hinblick auf die Wiener Komponistinnen – da gab es schon Orchestermusik und Oratorien und kleine Opern, Kirchenmusik und Instrumentalmusik“

Musizieren als Zerstreuung

Anfangs wurde viel Hausmusik gespielt, Musik nur im familiären Rahmen aufgeführt, denn die Frauen sollten ja eigentlich nur zu ihrer Zerstreuung oder zur Zerstreuung des Mannes oder des Freundeskreises musizieren, sich aber darüber hinaus nicht in Szene setzen: „Selbstverwirklichung über die Musik war nicht eine im Vordergrund stehende Möglichkeit, sondern vorzugsweise das Prestige des Mannes zu erhöhen, z.B. in der Salonmusik, oder bei Schlosskonzerten als Vorzeigeobjekt“, so Haas. Musik wurde auch als Mittel angesehen, Frauen an das Haus zu fesseln – die musikalische Bildung diente vor allem auch der „Wertsteigerung“ eines Mädchens für eine spätere Heirat.

Die Rolle des Klaviers

Nach Mozart, zu Beginn des 19. Jahrhunderts dehnt sich das Repertoire der komponierenden Fraun dann weiter aus: Das Klavier nimmt hier sehr an Bedeutung zu, trug auch viel zur Emanzipation der Frauen bei. Haas: „Das war nämlich das einzige Instrument außerhalb der Harfe, das man als schicklich empfand – es war graziös, schick und entsprach dem Ideal der Anständigkeit und der Stellung der Frau in der Gesellschaft.“

Lehrerin sein dürfen

Zu Beginn des 19. Jahrhundert vollzieht sich aber auch ein starker Rollenwandel in Hinblick auf Frauen und Beruf, bei dem die Musik eine wichtige Rolle spielt: „Als eine der wenigen Berufsmöglichkeiten für Frauen wurde die Musikpädagogin damals angesehen und auch gesellschaftlich akzeptiert im Bürgertum - damit fängt eine systematische Musikausbildung an, wo auch zunehmend Fächer wie Harmonielehre, Komposititon und Kontrapunkt unterrichtet werden.“ Viele Komponistinnen waren demnach auch Pädagoginnen, entweder für Klavier oder Gesang. Marietheres Paradis gründete in dieser Zeit die erste Singschule (1808), ihre Kollegin Marianna Martinez eine ähnliche Institution (1790) – beides Vorläufer des Konservatoriums.
Im letzten Viertel des 19. Jahrhundert haben sich Frauen dann sehr oft zusammengetan und solidarisiert, gemeinsam aufgeführt und Konzerte gespielt, um mehr Chancen zu haben, gespielt und gehört zu werden – im Bewusstsein, eine hilfreiche Plattform zu haben. Manche traten bis zu 50 Jahre lang gemeinsam auf.

Geehrt - und vergessen

Viele Komponistinnen hatten früher schon durchaus sehr große Erfolge mit ihren Werken, wurden aufgeführt und von der Presse hochgelobt – wie kommt es dann, dass sie trotzdem heute zunehmend in Vergessenheit geraten, viele kaum mehr gespielt und gehört werden? „ In Österreich gibt es einfach kaum so ein Engagement wie zum Bespiel in Deutschland für die Clara Schumann.“ Die Werke vieler Komponistinnen seien damals zwar oft eine Novität und Sensation gewesen, sie wurden aber nicht weiter gefördert und so verschwanden viele erfolgreiche Frauen und ihre Melodien wieder aus den Köpfen, so sie nicht gerade berühmte Männer hatten, durch die auch sie bekannt wurden, wie etwa Alma Mahler-Werfel.

Komponistinnen heute

Und wie geht es jungen Komponistinnen heute? „Sie haben es leichter, mit Betonung auf –ter, weil es in den modernen Musikgattungen oder Formen wie Klanginstallationen, elektronische, computergesteuerte Musik keine Tradition gibt, wo die Männer vorherrschend sind“, sagt Marx. „Sie haben die gleichen Ausbildungsmöglichkeiten, machen alles, was Männer auch machen und sie sind vom Instrumentarium her unabhängig, brauchen kein Orchester“, so Haas. „Wenn aber ein Orchester für sie Interesse zeigt oder ein Streichquartett, dann müssen sie sich anpassen.“ Was empfinden junge Komponistinnen als die größten Hürden heute? „Nicht aufgeführt zu werden, fehlende Möglichkeiten und Angebote an Auftragskompositionen.“ Kaum eine könne von den Tantiemen leben, die meisten müssten sich mit normalen Berufen absichern, oft wieder als Musikpädagoginnen oder mit Musikprojekten.

Mangelnde Selbsterfahrung

Frauen seien in der Komposition aber auch nicht so sehr vertreten wie die Männer, weil es eigentlich keine Identifikationspersonen, keine Vorbilder gäbe, so Marx: „Es gibt keinen weiblichen Mozart oder dergleichen, es ist außerdem der Selbstwert nicht so gestärkt wie bei Männern, weil die Selbsterfahrung und damit das Selbstverständnis fehlt – Kreativität hängt aber auch viel von Selbstwert und Risikobereitschaft ab.“ Und: „Das Vorurteil ist auch nach wie vor vorhanden, dass die Kreativität eigentlich eine männliche Kategorie ist – und wenn Kompositionen von jungen Frauen zur Aufführung gelangen, geht die Initiative dazu noch meist von ihrem Lehrer aus, oder über das Hochschulorchester, oder über einen Preis.“

Das Buch von Haas und Marx ist übrigens das erste fundierte Lexikon zum Thema Komponistinnen – um diese Frauen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. „Es gibt so etwas wie eine negative Tradition, eine Tradition der Ignoranz, das Thema wird und wurde nicht wichtig genug genommen“, ist Marx überzeugt. „Dieses Klischee von der Frau als Komponistin wird weiter tradiert – dabei wurde bereits 1919 eine Oper von Lily Scheidl-Hutterstrasser in der Volksoper uraufgeführt und das war eine Sensation. Und Lisa Maria Mayer hat bereits 1929 die Berliner Philharmoniker erfolgreich dirigiert.“
Eine Ausnahme bis heute - selbst Karajan soll bei einem Interview in Japan auf die Frage, warum keine Frau bei den Berliner Philharmonikern wäre, geantwortet haben, die Frau gehöre in die Küche - und nicht unter die Philharmoniker.

Isabella Lechner

Zur Ansichtssache Österreichische Komponistinnen

Gerlinde Haas,
Eva Marx:
"210 österreichische Komponistinnen",
Residenzverlag, 2001,
575 Seiten, 50 Euro
ISBN 3-7017-1215-8

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