Alexander Van der Bellen führt die Grünen doch nicht in die Regierung

16. Februar 2003, 23:06
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Verlierer und Sieger zugleich

Er hat alles versucht, aber es hat nicht sollen sein. Ob der grüne Bundessprecher Alexander Van der Bellen verloren oder gewonnen hat, ist paradoxerweise trotzdem nicht klar - noch nicht.

Geht es nach dem Applaus, mit dem der erweiterte Bundesvorstand die Entscheidung begrüßte, keine Regierung mit der ÖVP zu bilden, ist Van der Bellen ein Sieger. Nimmt er sein politisches Lebensziel als Maßstab, hat er verloren: Es ist nicht abzusehen, wann die Grünen der Regierungsverantwortung wieder so nahe kommen, wie sie es jetzt waren. Ebenso ist unklar, ob Van der Bellen seine Partei als Spitzenkandidat in die nächste Wahl führt. Der Posten des Vizekanzlers einer in Europa einmalig dastehenden schwarz-grünen Regierung wäre der krönende Abschluss einer bemerkenswerten Karriere und die Besiegelung eines Planes gewesen, den Van der Bellen seit seinem Antritt konsequent verfolgt hat: die Etablierung der Grünen als relevanten Machtfaktor über das linke Spektrum hinaus.

Eines hat Van der Bellen jedenfalls erreicht: Die Grünen sind innerhalb einer Woche eine andere Partei geworden. Allein die Verhandlungen mit der ÖVP und die Ernsthaftigkeit, mit der sie betrieben wurden, haben das vor allem medial strapazierte Bild einer Truppe von Radaubrüdern und -schwestern nachhaltig korrigiert. Und das hat einiges mit der Person Van der Bellens zu tun, der viel von seinem Image des berechenbaren Pragmatikers auf die Partei übertragen konnte.

Als Van der Bellen 1997 Bundessprecher der Grünen wurde, übernahm er eine Partei, die sich stärker in Grabenkämpfen übte als in konstruk-tiver Politik. Daran waren seine Vorgänger Christoph Chorherr und Madeleine Petrovic gescheitert, und diese Praxis ließ auch gleich Skeptiker laut werden, die Van der Bellen kein langes Leben an der Parteispitze prophezeiten.

Doch der 1944 in Wien geborene und in Innsbruck aufgewachsene Politiker überraschte alle mit einer neuen Art der Streitkultur, die sich als höchst integrativ herausstellte: Interne Differenzen wurden tatsächlich intern und immer weniger in der Öffentlichkeit ausgetragen. Die Wähler bedankten sich dafür und verschafften den Grünen mit 9,47 Prozent bei den letzten Wahlen das beste Ergebnis der Geschichte, das jedoch angesichts höherer, von den Umfragen zuvor genährter Erwartungen leichte Depressionen auslöste. Es ist auch ein Verdienst des gelernten Volkswirtes, dass diese nun einem neuen Selbstbewusstsein gewichen sind.

Alles in allem betrachtet könnte sich der Vater zweier erwachsener Söhne also bequem zurücklehnen und ein Zigaretterl schmauchen. Böse Zungen behaupten ja, dass Rauchen neben dem Lesen und Wandern sein liebstes Hobby sei. (Samo Kobenter/DER STANDARD, Printausgabe, 17.2.2003)

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