Seselj stellt sich dem UNO-Tribunal

17. Februar 2003, 13:05
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Serbischer Ultranationalist will Abreise nach Den Haag mit Propagandaoffensive verbinden

Belgrad - Der serbische Ultranationalisten-Führer Vojislav Seselj will sich nach eigenen Angaben am kommenden Montag dem UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag stellen, nachdem vergangenen Freitag die Anklage offiziell veröffentlicht worden war. Seselj wird in 14 Anklagepunkten der Rekrutierung, Finanzierung und Versorgung von Angehörigen der Freiwilligeneinheiten angeklagt, die unter den Namen "Tschetniks" oder "Seseljs" zwischen 1991 und 1995 Kriegsverbrechen in Kroatien, Bosnien und der nordserbischen Provinz Vojvodina verübt haben. In seiner Serbischen Radikalen Partei (SRS) wird gehofft, dass die Abreise des Parteichefs nach Den Haag den serbischen Ultranationalisten weitere Popularitäts-Plus-Punkte bringt.

"Abschiedskundgebung" am Sonntag

Seselj hatte am Wochenende angekündigt, vor dem UNO-Tribunal die Rolle der ex-jugoslawischen Generalstabchefs Branko Mamula und Veljko Kadijevic zu Kriegsbeginn 1991 "enttarnen" zu wollen. Er wolle auch die "falschen Belastungszeugen" im Prozess gegen den einstigen jugoslawischen Staatschef Slobodan Milosevic überführen, verkündete der Führer der Serbischen Radikalen Partei. Die serbischen Ultranationalisten machen kein Hehl daraus, dass sie auf Vorteile durch die Abreise des Parteichefs hoffen. Seselj hat für den kommenden Sonntag in Belgrad eine große "Abschiedskundgebung" angekündigt, zum Flughafen will er sich am Tag darauf in Begleitung von Blasmusik begeben.

Seselj erhielt 36 Prozent bei Präsidentenwahl

Spätestens im letzten Herbst sind Seselj und seine Partei auch für die Regierungskoalition eine enorme Belastung geworden. Bei der letzten gescheiterten serbischen Präsidentenwahl am 8. Dezember des Vorjahres hatte der Ultranationalist gar 36 Prozent der Stimmen erhalten. Die Präsidentschaftskandidatur des SRS-Führers war von rund einer Million Wählern unterstützt worden, was die Alarmglocken in der Regierung des Ministerpräsidenten Zoran Djindjic schrillen ließ.

Größte Oppositionspartei

Nach einem Tief nach der Wende in Serbien im Oktober 2000 ist die Partei Seseljs zur größten Oppositionspartei angestiegen und zählt zusammen mit der Demokratischen Partei Serbiens (Kostunica) und der Demokratischen Partei (Djindjic) zu den drei größten politischen Parteien Serbiens. Seselj wusste geschickt den extremen Nationalismus mit der schwierigen politischen und sozialen Situation zu verbinden, um Anhänger zu gewinnen.(APA)

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    Ein begabter Demagoge unter schwerem Verdacht: Vojislav Seselj

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