Szenen des Anachronismus

16. Februar 2003, 20:48
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Das Mariinsky-Theater mit "Mazeppa" in Grazer Opernhaus

Graz - Peter Iljitsch Tschaikowskys 1884 uraufgeführte große Oper Mazeppa, eine zwischen politisch-kriegerischer Rahmenhandlung und zwischenmenschlichen Unvereinbarkeiten angelegte Tragödie, wird hierzulande kaum gespielt. Die in der älteren russischen Geschichte verwurzelte Story des gleichnamigen ukrainischen Herrschers ist auch nicht unproblematisch; autoritäre Herrschaftsstrukturen und der musikalisch groß angelegte Schlachtenpomp zeugen von einer Zeit, als die Oper noch als Träger von Nationalismen fungierte.

Dass vom Mariinsky-Theater kein Übermaß an neuem, innovationsfreudigem Musiktheater zu erwarten war, hatten bereits die vorhergehenden Abende gezeigt. Der Ansatz, mit lieblich-naturalistischem Kulissentheater all diese Probleme schlichtweg von der Bühne zu fegen, muss sich aber doch die Frage nach dem Sinn dieser Produktion im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres 2003 gefallen lassen. Dass der Blick ins russische Opernmuseum - die von Ilja Schlepianow gefertigte Inszenierung stammt immerhin aus dem Jahre 1998! - dennoch kein allzu getrübter ist, verdankt er der Bühnenpräsenz der Protagonisten wie der musikalischen Opulenz des Orchesters.

Forte und Piano

Wie schon bei Pique Dame knetet Valery Gergiev die Klangmassen zu plastischen und dramaturgisch schlüssigen, im Finale des zweiten Aktes regelrecht bezwingenden Trägern großer tragischer Gefühle. Das ihm in martialischen Forte-Passagen ebenso wie in gehauchtem Pianissimo-Flüstern folgende Orchester bereitet so den Boden, der den durchwegs hochkarätigen Stimmen eine kraftvolle, farbige und vor allem dramatisch hervorragende Basis bietet.

Nikolai Putilin als Mazeppa und Tatiana Pawlowskaja als junges, vom Titelhelden geehelichtes, dann aber von ihm hintergangenes Mädchen Maria können sowohl von der stimmlichen Präsenz als von der charakterlichen Überzeugungskraft her als Idealbesetzungen gelten. Dass dieser Gesang bei all der orchestralen Wucht nicht untergeht, sondern sich harmonisch in das Gewebe aus instrumentalem Pathos einfügt, zeugt von der gewaltigen Reserve, die St. Petersburg an Stimmen besitzt.

Das gilt auch für die Nebenrollen, vom hellen Tenor Oleg Balaschows über den sonoren Bass Michail Kits bis zur kleinsten Partie, dem von Wiktor Wichrow gesungenen Kosaken. Mit dieser Präsentation der Substanz des Mariinsky-Theaters beendet die Grazer Oper, die bei Graz 2003 selbst nicht offiziell vertreten ist, ihren Beitrag zum Kulturhauptstadtjahr.

Dass der fast durchwegs rückwärtsgewandte Blick dem Paradigma dieses Kulturjahres (Veränderungen für morgen) diametral widerspricht, trübt die präsentierten musikalischen Höhenflüge leider empfindlich; nicht zuletzt vor dem Hintergrund der in der Helmut-List-Halle präsentierten Alternativen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 17.2.2003)

Von
Robert Spoula
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