"Tears of the Black Tiger": Duell vor gemalter Sonne

23. Juli 2004, 14:43
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Cowboys und Models in regennassen tropischen Landschaften: das thailändische Melodram "Tears of the Black Tiger"

Cowboys und Models in regennassen tropischen Landschaften: Das unterhaltsame thailändische Melodram "Tears of the Black Tiger", inszeniert von Wisit Sasanatieng, entwickelt ein schillerndes Spiel mit Zitaten, Oberflächen und digital bearbeiteten Farben.


Thailand ist auf dem Atlas des Weltkinos immer noch ein ziemlich weißer Fleck, obwohl auf Filmfestivals in den letzten Jahren gerade dem asiatischen Kino die größte Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Tears of the Black Tiger / Fa Talai Jone, das Regiedebüt von Wisit Sasanatieng, muss wohl schon deshalb als Sonderfall gelten - das Verblüffende an dem Film liegt jedoch weniger in seiner nationalen Eigenart als vielmehr in seiner schillernden Hybridität:

Zum einen ist er ein Western, obgleich keiner der gängigen Sorte. Die Cowboys reiten hier durch regennasse tropische Landschaften, beschießen sich vor gemalten Sonnen, ihre Lippen glänzen dabei rosa; auch die von Türkis bis zu grellem Rot reichende Farbskala ihrer Kleidung (wie die der Ausstattung insgesamt) wirkt insgesamt so, als hätte man einen Schwarz-Weiß-Film nachkoloriert. Was in diesem Fall nicht ganz falsch ist, denn Sasanatieng ließ die Farben digital nachbearbeiten, bis sie den hemmungslos kitschigen Kinoplakaten populärer Thai-Filme der 50er-Jahre glichen. Ein Vorgehen, das ein wenig an Pop-Art-Künstler erinnert, die Bilder und Embleme der Warenkultur in einen neuen Kontext überführen.

Es sind weniger die Motive des Westerns, die Tears of the Black Tiger übernimmt, als ein bestimmter Gestus, stereotype Figuren: die Banditen und der edle Einzelgänger Dum (Chartchai Ngamsan), der sich diesen anschließt, als er eines Tages seinen Vater ermordet auffindet. Der Eindruck von Italo-Western dürfte Sasanatieng dabei am nachhaltigsten geprägt haben: So finden sich musikalische Anklänge an Ennio Morricone, und Duelle werden in Leone-Großaufnahmen begangen. Andererseits gibt es ein opulentes Shoot-out, das an jenes aus The Wild Bunch angelehnt ist; wobei es das ironische Spiel mit Gewalt ist, samt Patronenkugeln, die in Zeitlupe fliegen, das hier die eher billigeren Lacher provoziert.

Insgesamt geht Tears of the Black Tiger jedoch durchaus ernsthaft mit seinen Vorbildern um. Ein Melodram ist sein eigentliches Zentrum: Es erzählt, wie Dum, der "schwarze Tiger", erst zu dem gefürchteten Revolverhelden geworden ist. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend liebt er seit Kindheitstagen Rumpoey (dargestellt vom Model Stella Malucchi), ein schönes reiches Mädchen, dem er sich als nicht ebenbürtig empfindet. Die arg schematische Liebesgeschichte - angeblich auch eine Referenz ans Thai-Kino - breitet Sasanatieng zunächst in Rückblenden über mehrere Jahrzehnte aus, das ihr innewohnende Pathos spielt er genüsslich aus.

Der Sonnenuntergang, dem die Einzelgänger entgegenreiten, wird hier zur Kulisse für die Liebenden, wenn sie einen langen Moment glauben, dass ihre Geschichte ein gutes Ende hat.

Doch auch im melodramatische Teil des Films ist vor allem anderen der Look entscheidend: Mit fast übermütiger Sentimentalität wiederholt Sasanatieng beispielsweise die Szene mit einer Pagode inmitten eines blütenreichen Sumpfes, wo sich die Liebenden einst verabredet hatten. Umgekehrt spricht ebendieses Bild der unmöglichen Liebe für den ganzen Film: Denn Tears of the Black Tiger betreibt letztlich nur ein Spiel mit Oberflächen: Alles ist hier Pastiche, und jedes Bild hat in einem anderen Film schon einmal seine Wirkung unter Beweis gestellt.
(DER STANDARD, Printausgabe vom 17.2.2003)

  • Künstliche Farben, schwärmerische Blicke, als hätte man einen Schwarz-Weiß-Film koloriert: Stella Malucchi in "Tears of the Black Tiger"
    foto: polyfilm

    Künstliche Farben, schwärmerische Blicke, als hätte man einen Schwarz-Weiß-Film koloriert: Stella Malucchi in "Tears of the Black Tiger"

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